Sonntag, 2. Nov. 2014 – Über den Kampf ums Überleben, erfolglose Suche und die Entdeckung des Schlaraffenlandes

Heute ist der Tag des Herrn. Shah Rukh Khan feiert seinen neunundvierzigsten Geburtstag. Deswegen sind wir nach Mumbai gekommen, Trude und ich, um dieses Spektakel live zu erleben und vielleicht ein paar Sekunden mit dem Meister persönlich zu ergattern. Ob das Schicksal uns gewogen ist? Warten wir’s ab.

Zur Feier des Tages werde ich diesmal ein bisschen tiefer in die Bilderkiste greifen als üblich. Was meint ihr? Wollt ihr mehr Bilder oder sind die bisherigen genug oder schon zu viel? Hinterlasst doch einfach einen Kommentar. 

Gegen zwölf Uhr trudeln wir an der Villa ein. Am Strand gegenüber tummelt sich bereits eine Menschenmasse. Irgendwer hat große Plakatwände aufgestellt. King Khan verfolgt das Gewusel mit nachdenklicher Miene. Leute mit Mikrofonen und Kameras laufen herum. Es wimmelt von Polizisten. Sie versuchen, die Straßen freizuhalten, damit der Verkehr einigermaßen fließen kann. Bis jetzt funktioniert es noch.

Mein Handy meldet sich. Alok hat mir eine SMS geschickt. Ich setze mich kurz auf das Mäuerchen an der Verkehrsinsel gegenüber der königlichen Villa, um zu antworten. Hier herrscht etwas Schatten. Wenn die Sonne mir auf das Display scheint, sehe ich nämlich nichts. Da baut sich einer dieser Herren in sandfarbener Uniform vor mir auf: „Madam, please don’t sit here.“ Aha. Wieso? Ich versuche, ihm zu erklären, warum ich hier sitze. Er verzieht keine Miene, schlenkert stattdessen lässig seinen Schlagstock hin und her. „Please, go!“

Mir schwillt der Kamm. Ich bin streitlustig heute. Vielleicht liegt das daran, dass ich jetzt schon zweieinhalb Tage mit Trude verbracht habe und mein Toleranzfaden langsam immer dünner wird. Wo ich denn sitzen dürfe, maule ich ihn an? Und was zur Hölle hier eigentlich los sei heute und was dieser ganze Auflauf zu bedeuten habe? Er verdreht die Augen, als ob er genau weiß, dass ich ihn verarschen will. „Madam, please! Just go!“ Hm, ich kalkuliere: Er ist zwar auch nicht mehr der Jüngste, aber auf jeden Fall jünger als ich. Und er hat gefühlte hundert Kollegen bei sich, die auch alle mit Schlagstöcken bewaffnet sind. Ich dagegen habe nur Trude an meiner Seite und ob die zum getreuen Musketier taugt, ist äußerst fraglich. Mein Verstand rät mir, die Klappe zu halten und der Staatsmacht zu weichen. Na gut …

Ich suche mir ein anderes schattiges Plätzchen und erzähle Alok, was mir soeben widerfahren ist. Ich solle nach Jaipur kommen, antwortet er. Dort werde mich niemand verscheuchen. Ja, morgen …

Dann stehen wir eine Weile sinnlos herum. Nichts passiert. Die Sonne knallt mir auf den Schädel und der Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Ich spüre, wie meine Synapsen schmelzen, und möchte jetzt eigentlich weg von hier, aber Trude muss noch Fotos machen. Trude macht ständig Fotos. Trude fotografiert jeden Stein, jedes vertrocknete Blatt und jede Bonbontüte, die vor Cheffes Haus herumliegt.

Schließlich ist sie aber doch fertig mit dem Dokumentieren des aktuellen Zustands für die Nachwelt. Wir schlendern noch ein wenig über die Strandpromenade und staunen gemeinsam über die Müllberge, die sich zwischen den Lavafelsen ansammeln, wenn die Flut sich zurückgezogen hat. Dann überwältigt uns der Durst und die Lust auf ein Kaltgetränk.

Also begeben wir uns wieder zu den beiden Coffee Shops am Bandstand. Gestern hatten wir den linken, folglich wählen wir heute den rechten. Trude braucht ein Klo. Dieser Coffee Shop hat allerdings keins. Also geht sie hinüber zum Nachbarn und fragt dort nach der Nasszelle. Vorher trägt sie mir noch auf, einen Drink für sie mitzubestellen, einen Mango-Orangen-Smoothie.

Der Kellner ist flink wie ein Wiesel und wenig später stehen die Drinks auch schon auf dem Tisch. Ach, ist das herrlich, so ein kühles Gesöff! Ich nuckele genüsslich an meinem Strohhalm und denke mir nichts Böses, bis Trude zurückkommt. „Da sind ja Eiswürfel drin!“, stellt sie voller Entsetzen fest. Ähm … ja, sonst wäre das Zeug ja nicht so kalt. Ach so! Jetzt begreife ich, woraus sie hinaus will. Eigentlich sind Eiswürfel für Europäer tabu, denn man weiß ja nie, wo das Wasser dafür hergekommen ist. Daran habe ich nicht gedacht. Ich überlege kurz und entscheide dann, dass mich die bösen Bazillen, die sich darin verstecken könnten, jetzt sowieso schon infiltriert haben. Es kommt also nicht mehr darauf an.

Nun süppeln wir unsere Smoothies und beobachten dabei, wie Auto abschleppen auf indisch geht. Ein Abschleppwagen fährt die Straße entlang, stoppt und setzt wieder zurück. Auf seiner Ladefläche befinden sich bereits mehrere Motorroller und auf den Motorrollern sitzen junge Männer. Leute, versucht das mal in Deutschland! Die Männer springen herunter und mustern die am Straßenrand geparkten Fahrzeuge. Schließlich picken sie sich – recht wahllos aus unserer Sicht – einen schwarzen Kleinwagen aus dem Angebot heraus, nehmen ihn an den Haken und der rostige Laster rollt davon. Ähm … nanu? Ich sehe nirgendwo ein „No Parking“-Schild. Außerdem müssten all die anderen Autos ja dann auch weggefangen werden. Oder hat der Besitzer die Raten nicht pünktlich bezahlt …?

Gegen halb zwei haben wir unsere Drinks niedergemacht und wandern zurück zum Hotel. Ein wenig Zeit bleibt ja noch bis zum Auftritt unseres Helden. Also beschließen wir, das Bandra Fort gleich nebenan zu besichtigen und den angrenzenden Park zu erkunden. Schließlich bin ich schon zum zweiten Mal hier und ein bisschen Kultur und Sightseeing muss auch sein. Die Festungsanlage stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde vermutlich von den Portugiesen erbaut. Es ist ganz schön anstrengend, das alte Gemäuer zu erklimmen, und nach kurzer Zeit bin ich schon wieder schweißgebadet, aber die Aussicht ist nicht übel.

Trotzdem: nach kurzer Zeit wird die Hitze auf der Festung unerträglich und wir flüchten in den Park. Hier ist es angenehmer. Die hohen Kokospalmen spenden wohltuenden Schatten; der richtige Ort für ein ausgedehntes Päuschen.

Aber nicht nur Vierbeiner hängen hier ab. Der Bandra Park gehört zu den Orten, an die Mumbais Jugend sich zurückzieht, um zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen oder zu vertiefen. An jeder Ecke und hinter jedem zweiten Busch sitzen Pärchen, deren weibliche Hälften sich reflexartig die Schleier über die Gesichter ziehen, sobald wir auftauchen. „Open honeymoon“, hatte einer unserer Fahrer das genannt, damals während unserer Reise im März. Und er hatte sehr deutlich durchblicken lassen, dass er solches Gebaren für absolut inakzeptabel hielt.

Wir Europäer sind in dieser Hinsicht viel schmerzfreier, Trude ganz besonders. Trude fotografiert ungeniert alle, die nicht bei Drei auf dem Baum sind. Manchmal kann ich wirklich nur noch den Kopf schütteln. Auf dem Rückmarsch zum Hotel entdecken wir dann noch einen indischen „Wertstoffbehälter“, mitten im Park. Hui, das gäbe sattes Flaschenpfand!

Um vier und um sieben wird der King hinter dem Zaun erscheinen, lautete die offizielle Ankündigung. Also machen wir uns gegen halb vier wieder auf den Weg. Ich habe mich ungezogen und trage mein Khan-Shirt, das fachmännisch in der Druckerei hergestellte, das man bei 30 Grad in der Waschmaschine waschen darf.

Die Menge vor Mannat hat sich mittlerweile verzehnfacht. Zumindest kommt es uns so vor. Die Polizei hat die Verkehrsinsel mit einem dünnen Seil abgesperrt. Dahinter stehen die Schaulustigen dicht gedrängt wie Sardinen in der Büchse und 70 Prozent sind Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Erstaunlich …

Wir suchen uns ein Plätzchen, von dem man gut gucken kann. Immer wieder schiebt sich die Menge Stück für Stück nach vorn und immer wieder treiben die Polizisten die Leute zurück. Der Ausdruck „treiben“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Sie tragen ihre Schlagstöcke nicht nur zur Dekoration. Sie setzen sie auch ein. Wer nicht auf der Stelle der Staatsgewalt weicht, wird gnadenlos geschubst und geschoben und in die Schranken gewiesen. Ein alter Mann mit weißem Bart weicht nicht schnell genug und stolpert rückwärts zwei kleine Stufen hinunter. Er hat Glück, dass die Menge hinter ihm steht wie eine Wand, sodass er gar nicht umfallen kann. Puh! Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh, eine weiße und vor allem eine alte Frau zu sein. Uns lassen die Polizisten weitgehend in Ruhe.

Jedes Mal, wenn ein Bus vor unseren Nasen stoppt, gibt es wildes Geschrei, weil er die Sicht versperrt. Jedes Mal, wenn sich jemand heimlich nach vorn schieben will, wird er lautstark zur Ordnung gerufen. Junge Burschen klettern auf die Bäume und werden von den Polizisten heruntergepflückt. Interessant ist die Mimik der Jungs. „Sorry, Chef“, scheinen sie zu den Ordnungshütern zu sagen. „Ich hab’s halt mal versucht. Das kannst du mir doch nicht übelnehmen, oder?“

Ein paar Doppelgänger sind auch unterwegs; stilecht mit Khan-Frisur und Khan-Sonnenbrille. Einer trägt die schwarze Pluderhose und die königsblaue Uniformjacke aus dem neuesten Film „Happy New Year“ und er zieht eine mächtige Show ab. Von zwei „Bodyguards“ flankiert läuft er die Straße auf und ab, lässt sich fotografieren, wirft Küsschen in die Menge und verteilt Autogramme. Die Menge bejubelt die Kopie ebenso enthusiastisch wie das Original.

Plötzlich wird es still auf der Straße. Der gesamte Bandstand hält praktisch den Atem an. Ein seltsamer Typ kommt die schmale Gasse herunter, die zu Mr. Khans Hintereingang führt; völlig unbehelligt von den Securities, die den Weg von Passanten frei halten; schwarzer Anzug, offenes weißes Hemd, dicke schwarze Mähne mit einem winzigen Pferdeschwänzchen, Vollbart, verspiegelte Sonnenbrille … Einen Moment lang stehen wir alle da mit offenem Mund und glauben an das Unglaubliche. Nein, das ist nicht wahr und das kann auch nicht wahr sein. Man stelle sich vor, Himself würde jetzt höchstpersönlich vor dieser Menschenansammlung aus seinem Tor spazieren. Die Menge würde sich sofort auf ihn stürzen und vermutlich nicht viel von ihm übriglassen. Nein, es ist nur ein weiterer Doppelgänger, aber ein durchaus überzeugender. Das muss ich zugeben. Er lacht fröhlich, winkt nach allen Seiten und freut sich offensichtlich diebisch, dass er uns alle zum Narren gehalten hat. Dann läuft er die Straße hinunter in Richtung Taj Lands End Hotel.

Inzwischen geht es auf halb fünf zu. Mir läuft der Schweiß den Rücken hinunter. Mein T-Shirt ist mittlerweile durchgeschwitzt und mein Wasservorrat geht zur Neige. Wenn das hier noch länger dauert, werde ich ein weiblicher Devdas werden. Ich werde meine letzten Kräfte mobilisieren, zu des Chefs Hintertür kriechen, ein letztes Mal „Shah Rukh“ hauchen und dann stilvoll verdursten. Nun gut, etwas Wasser ist ja noch drin in der Flasche.

Die Polizisten treiben uns mal wieder ein Stückchen zurück. Ich sehe mich vorsichtshalber um, ob ich jemandem auf die Füße treten könnte. Hinter mir steht eine junge Frau mit einem Stall voll Kinder um sich herum. Das Jüngste, etwa zwei Jahre alt, trägt sie auf dem Arm. Direkt vor ihr drängt sich ein kleines Mädchen mit dicken schwarzen Locken und ebensolchen Kulleraugen an ihren Sari und starrt mich so fasziniert an, wie nur kleine Kinder starren können. Dann dreht sie den Kopf zu ihrer Mutter und fragt etwas. Ich muss grinsen. Ich verstehe zwar kaum Hindi und Marathi schon gar nicht, aber ich weiß auch so, welcher Dialog da abläuft: „Mama, warum ist denn die Tante so blass? Ist die krank?“ – „Schscht, guck da nicht so hin. Das macht man nicht.“

Ein paar Meter von uns entfernt stehen zwei andere „blasse“ Frauen, etwa Mitte zwanzig, und blonde Haare haben sie noch dazu. Sie schauen neugierig zu uns herüber. Also gesellen wir uns zu ihnen und stellen uns vor. Sie sprechen Englisch mit einem ziemlich harten Akzent, was mir sagt, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Sie kommen aus Russland erfahren wir, aus Moskau und aus St. Petersburg, um genau zu sein. Eine der beiden trägt ein Trikot der Kolkata Knight Riders, der Cricketmannschaft, an der King Khan Anteile besitzt. Ich könne mir nicht vorstellen, wie oft sie heute schon fotografiert worden sei, sagt sie. Doch, ich kann es mir vorstellen. Als „Bleichgesicht“ fällt man eben auf und man wird alle naselang angesprochen und um ein Foto gebeten; sogar, wenn man ohne Khan auf der Brust unterwegs ist bin.

Wenn Zeit und Geld es erlauben, sind sie eigentlich jedes Jahr hier, erzählen die Russinnen. 2009 hatten sie ganz besonderes Glück. Da standen sie spät abends an Cheffes Hintertür herum und plötzlich kam er tatsächlich höchstpersönlich heraus, hat sich mit ihnen unterhalten und Autogramme gegeben. Verdammt, ich gebe offen zu, ich könnte vor Neid platzen.

Immer wieder erscheinen „Einheizer“ oben am Zaun und animieren die Menge zu „Shah Rukh!-Shah Rukh!“-Chören. Immer wieder aktiviere ich meine Kamera, um den alles entscheidenden Moment nur ja nicht zu verpassen, und genauso oft schalte ich sie enttäuscht wieder aus. Inzwischen ist es nach fünf und ich mache mir Sorgen, dass mein Akku nicht lange genug durchhalten könnte. Zwar habe ich einen Ersatzakku dabei, aber wenn ich zwischendurch erst die Akkus tauschen muss, könnten mir eventuell wertvolle Sekunden entgehen.

Meine Sorge ist unbegründet. Zwei Minuten später geht ein Aufschrei durch die Menge, der anders klingt als alles bisher Dagewesene. Ich reiße die Kamera hoch und ziele auf die bewusste Zaunecke, komme allerdings nicht mehr dazu, zu prüfen, ob ich richtig ziele. Eine Flutwelle überspült mich! Die Menge hinter mir drängt geschlossen vorwärts und schiebt mich gnadenlos vor sich her. Innerhalb von Sekunden bin ich von fremden Körpern eingekeilt und kann mich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Hilfe!!!

Mr. Khan ist vergessen. Ich habe nur noch zwei Gedanken im Kopf. Erstens: Bloß nicht stolpern! Wenn du jetzt hinfällst, bist du erledigt! Zweitens: Versuch, deine Sachen bei dir zu behalten! Ich ziehe reflexartig meine Handtasche, die zum Glück quer über meine Brust hängt, nach vorn auf meinen Bauch. Meine Kamera baumelt an meinem Handgelenk. Ich versuche, sie in die Handtasche zu stopfen, aber mangels Bewegungsfreiheit gelingt mir das nicht. Sie knipst munter weiter, während ich ums Überleben kämpfe. Wann und warum sie von Video auf Foto umgeschaltet hat, ist mir bis heute ein Rätsel, aber auf jeden Fall finde ich später einige skurrile Fotos auf der Speicherkarte; hier links zum Beispiel mein Arm, zu identifizieren an dem roten Bändchen.

Die Menge um mich herum lässt mir keine Luft mehr zum Atmen und Panik kriecht in mir hoch. Großer Gott, die sind doch alle völlig durchgeknallt hier! Wieder einmal passt ein Zitat aus Schillers Glocke, leicht abgewandelt: „… doch der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch vorm Haus des Khan.“

Khan hin und Fan her, aber alles hat seine Grenzen. Ich muss hier raus! Egal, wie! Nein, ich will lieber doch noch nicht sterben! Mein Krokodilhirn startet das Notfallprogramm. Höflichkeit und weibliche Zurückhaltung nach dem Motto „Entschuldigen Sie, würden Sie mich bitte mal vorbeilassen?“ werden vorübergehend deaktiviert. Ich fahre meine Ellenbogen aus und drängle und schiebe und schubse mich rücksichtslos durch die Mauer aus Körpern, die mich umgibt. Sorry, Leute, aber ihr bekommt sicher nicht nur von mir blaue Flecken.

Vor mir taucht ein sandfarbenes Hemd mit irgendwelchen Abzeichen auf, woraus ich schließe, dass ein Vertreter der Staatsmacht in ihm steckt. Ist mir scheißegal! Ich nehme jetzt keine Rücksicht mehr, auch nicht auf Polizisten. Außerdem ist der sowieso grade viel zu beschäftigt, um mich zu verhaften. Also ramme ich ihm skrupellos meine Faust in den Bauch und habe wieder ein paar Zentimeter Boden gewonnen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich die gelbe Mauer von Mannat vor mir. Nur noch ein knapper Meter trennt mich von der Freiheit und das mobilisiert meine letzten Kraftreserven. Entschlossen rempele ich mich durch die letzten drei Typen, die mir den Weg versperren. Keuchend und schnaufend wie ein Walross taumele ich ins Freie. Geschafft! Hurra, wir leben noch! Vor der Mauer steht eine Polizistin. Sie lacht mich strahlend an und winkt mich zu sich. „Come here“, sagt sie. „It’s safe here.“ Danke, Madam, aber die Stelle hier ist mir noch zu nah an der Gefahrenzone. Ich verziehe mich lieber um die Ecke in die kleine Seitenstraße. Dort lasse ich mich auf einem kleinen Mäuerchen nieder, das eine Art Pflanzstreifen begrenzt, und krame nach meinen Zigaretten. Jawohl! Ich muss jetzt rauchen und wer immer mich daran hindern will, kriegt gewaltigen Ärger, klar?

Niemand will mich hindern, wie es aussieht. Cheffes Security-Team steht locker verstreut in der Gasse herum und beobachtet mich grinsend. Ein älterer Mann im karierten Hemd mit den Händen in den Hosentaschen schlendert herbei. Ich hab keine Ahnung, wer er ist, frage aber trotzdem der Form halber, ob ich hier rauchen darf. Er nickt gelassen und winkt mit der Hand in Richtung Boden, was mir wohl ein „No problem“ signalisieren soll.

Ich zünde mir die Kippe an und versuche, meinen Adrenalinpegel zu drosseln und wieder in den Normal-Modus zu schalten. Heiliger Strohsack! Mit Gedränge hatte ich ja gerechnet, aber dass die Leute derart ausflippen? Darauf war ich wirklich nicht vorbereitet. Und jetzt kriecht der Frust in mir hoch. Verdammt noch mal! Ich wollte doch nur ein lumpiges kleines Video vom Chef, live und in Farbe, und diese Horde Verrückte vermasselt mir die Tour!

Die Menge tobt immer noch. Ich rappele mich auf, beobachte das Chaos aus sicherer Entfernung und schieße ein letztes Foto. Du lieber Himmel! Da waren diese Kinder in der Menge. Hoffentlich ist ihnen nichts passiert. Und wo ist Trude eigentlich? Und wo sind die Russinnen?

Die Audienz scheint beendet, denn ein enttäuschtes Stöhnen wabert durch die Straße. Tatsächlich: der Pulk von Schaulustigen lockert sich auf und die Ersten wandern ab. Ein junges Pärchen stürmt Hand in Hand um die Ecke und lässt sich ebenfalls auf das Mäuerchen fallen. Die junge Frau zittert wie Espenlaub und ist in Tränen aufgelöst. Um Himmels willen! Ist sie verletzt? „Calm down“, sagt der Mann zu ihr und tätschelt beruhigend ihr Händchen. Dann sieht er hoch und meinen fragenden Blick. „She’s okay“, versichert er lächelnd. „Just over the top.“ Ah, jetzt bin ich auch beruhigt.

Plötzlich stürmen fünf oder sechs junge Kerle auf mich zu und umringen mich. „Madam, please! One picture, please!“ Und bevor ich noch irgendwas sagen kann, werden die Smartphones herumgereicht. Jeder muss sich neben mich stellen und sich von seinen Kumpanen mit mir ablichten lassen. Na schön, ich bin ja gar nicht so. Also grinse ich fröhlich in die Linsen. Der ältere Mann im karierten Hemd kommt auf uns zu und sagt etwas zu den Jungs, das ich nicht verstehe. Die Jungs gucken etwas bedeppert. Darauf wendet der Mann sich an mich: „Don’t they bother you?“ Ach so, er meint, die Jungs belästigen mich? Ich winke ab. Nein, sie sind nett und friedlich und bedanken sich überschwänglich bei mir, nachdem alle Fotos geschossen sind. Aber es ist gut zu wissen, dass der Mann offenbar auf mich aufpasst, ein gutes Gefühl.

Die Schlange der Fotografierwilligen reißt nicht ab. Immer mehr Leute treten mit dem Wunsch nach einem „picture“ an mich heran. Hey, ich war noch nie so begehrt wie heute und fühle mich wie Kareena Kapoor. Eine ganze Familie baut sich neben mir auf, Vater, Mutter, Oma und vier Kinder. Die größeren Kinder werden um mich herum drapiert. Mama gibt mir zu verstehen, dass ich das Baby auf den Arm nehmen soll; ein süßes kleines Mädchen, vielleicht neun Monate alt. Es starrt mich misstrauisch an. Papa macht Fotos, überprüft sie, verwirft sie, macht neue Fotos … Die Oma soll mit auf’s Bild. Die möchte aber nicht und muss erst überredet werden. Puh …

Endlich ist die Fotosession erledigt und ich kann mich um das Nächstliegende kümmern. Wo ist Trude? Die Menge auf der Straße verläuft sich langsam. Einsame Schuhe, eine Einkaufstasche und zerbrochene Sonnenbrillen liegen herum. Die Polizisten scheuchen die letzten Schaulustigen von der Fahrbahn, damit der Verkehr wieder fließen kann. Ich stelle mich vor des Meisters Eisentor und prüfe sorgfältig sämtliche Gesichter, aber Trude ist nicht zu finden.

Ein Polizist tritt auf mich zu und fordert mich freundlich, aber nachdrücklich auf, die Szene zu verlassen. Ich erkläre ihm, dass ich meine Begleiterin verloren habe und darauf warte, dass sie wieder auftaucht. Er nickt nachdenklich. Dann soll ich sie anrufen, sagt er. Stimmt, darauf hätte ich auch selbst kommen können. Anrufen ist mir allerdings zu teuer. Also schreibe ich eine SMS. „Wo bist du? Bist du ok?“ Während ich auf Antwort warte, wandere ich die Straße entlang, über die Verkehrsinsel, über die Promenade und wieder zurück. Trude bleibt verschwunden und mein Handy bleibt stumm. Ich schreibe noch eine SMS und bekomme wieder keine Antwort. Verdammt, wo ist sie? Ist ihr etwas passiert? Und kann sie sich nicht denken, dass ich mir Sorgen mache? Warum zum Teufel geht sie nicht an ihr Handy? Liegt sie am Ende mit gebrochenem Hals im Krankenhaus? Sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste …

Ich suche noch mal akribisch sämtliche umliegenden Straßen ab, ohne Erfolg. Dann hab ich die Nase voll. Ich bin restlos durchgeschwitzt und meine Wasserflasche ist leer. Also mache ich mich auf den Rückweg zum Hotel. Vielleicht ist Trude ja schon dort. Vielleicht sind wir in der Menge einfach nur aneinander vorbeigelaufen.

Im Hotelzimmer angekommen rufe ich als erstes in Trudes Zimmer an. Dort nimmt niemand ab. Das überrascht mich inzwischen nicht mehr, beruhigt mich aber auch nicht. Ich schreibe die dritte SMS und warte auf Antwort, während ich mich frisch mache und umziehe. Auch diesmal kommt keine Reaktion. Zähneknirschend wähle ich die Nummer. Dies ist ein Notfall und frau gönnt sich ja sonst nichts. „Der gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar“, meldet die nette Stimme vom Band. Ja, vielen Dank. Das habe ich mittlerweile auch schon gemerkt.

Langsam braut sich Ärger in mir zusammen. Was denkt die blöde Kuh sich eigentlich? Wieso kann sie ihr Handy nicht einschalten und mal nachsehen, ob es irgendwelche Nachrichten gibt. Ihr muss doch auch aufgefallen sein, dass ich nicht mehr da bin. Interessiert sie das nicht? Hat sie ihr Handy überhaupt dabei oder liegt das oben in ihrem Zimmer? Sie hat ja immer schreckliche Angst, es könnte ihr geklaut werden. Als ob irgendwer ihr altmodisches Tastenhandy haben wollen würde …

Mir reicht’s! Es geht auf halb acht zu und mir knurrt der Magen. Meine Sorge um Trudes Wohlergehen ist offensichtlich einseitig. Falls sie nicht tatsächlich im Krankenhaus liegt oder in der Leichenhalle, schert sie sich anscheinend nicht darum, wie es mir geht. Folglich kann sie mich mal kreuzweise. Ich gehe jetzt hinunter in die Vista Lounge und fülle meinen Bauch mit dem leckeren indischen Essen und dazu gönne ich mir ein schönes, kaltes Kingfisher-Bier, jawohl! In irgendwas muss ich schließlich meinen Frust ertränken.

Das Essen schmeckt hervorragend wie immer und irgendwie kann ich heute nicht genug bekommen. Heute steht mir der Sinn nach etwas Süßem zum Abschluss. Wenn Frauen frustriert sind, dann brauchen sie Eis. „Sure“, nickt der Kellner mit dem braunen Turban, der mich bedient. Welche Sorte hätte ich denn gern? Ich ordere spontan Schokolade, weil mir auf Anhieb nichts anderes einfällt, und Schokolade ist schließlich immer gut, nicht wahr? Oder gibt es noch andere Desserts? „Sure“, nickt er wieder. Ich möge mich doch bitte am Dessert-Büffet bedienen.

Wie bitte?! Dessert-Büffet? Wo?

„Follow me please“, sagt er und läuft vorweg, quer durch die gesamte Lounge in die hinterste Ecke, in einen schmalen Gang, dessen gläserne Wände zur einen Seite auf die Arabische See zeigen und auf der anderen Seite hinunter in die Atrium Lounge. Ich sehe einen endlos langen Tisch, bedeckt mit weißen Tischdecken und den köstlichsten Köstlichkeiten, die man sich vorstellen kann. Das ist also das Dessert-Büffet. Nein, das ist das Schlaraffenland! Unzählige winzige Schüsselchen, Löffelchen, Schäufelchen mit Gelees, Cremes, Pralinees, dazu Kuchen und Torten, Reispudding, Warmes und Kaltes, klassisch indisch oder universal … Ich sehe und staune und das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Und wieder stellt sich die gleiche Frage wie bei den Croissants: Warum versteckt ihr all die guten Sachen hier hinten in der Ecke? Und wenn ihr schon müsst – aus Platzgründen vermutlich – warum stellt ihr dann nicht wenigstens entsprechende Wegweiser auf? Oder malt doch einfach große Pfeile auf den Boden! „Stairway to heaven“ oder so ähnlich.

Mein Verstand muss kurz auf’s Klo gegangen sein, denn meine Gier sieht sich plötzlich mutterseelenallein diesen Versuchungen gegenüber und schlägt gnadenlos zu; ein Schälchen Orangencreme, ein kleines Törtchen mit Mousse au chocolat, ein Würfelchen Traubengelee und ein Stück Cranberry-Sahne-Torte landen auf meinem Teller. Damit kehre ich zu meinem Tisch zurück, wo mein Schokoladeneis bereits vor sich hin schmilzt. Hoppla! Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, aber nun ist es zu spät. Da das Eis naturgemäß das kürzeste Verfallsdatum hat, beginne ich damit und arbeite mich dann durch die Orangencreme über das Törtchen und das Traubengelee an das Tortenstück heran. An der Stelle bin ich eigentlich schon pappesatt, aber aufgeben gilt nicht. Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt. So heißt es doch und außerdem gönnt frau sich ja sonst nichts. Als die Torte niedergemacht ist, kann ich kaum noch japsen und mich streift der Gedanke, ob ich nicht doch ein bisschen übertrieben habe. Morgen werde ich die Sache besser planen … Ach, verflixt! Morgen bin ich in Jaipur. Na schön, dann eben übermorgen …

Das wirft die immer noch unbeantwortete Frage nach dem Verbleib von Trude wieder auf. Nach wie vor gibt es kein Lebenszeichen von ihr, stelle ich mit einem Blick auf mein Handy fest, und die Unruhe nagt weiter an mir. Sie wird doch nicht ernsthaft zu Schaden gekommen sein? Was wäre in dem Fall zu tun? Immerhin sind wir in Indien, nicht irgendwo in Deutschland. Da ich jetzt sowieso meine Verdauungszigarette brauche, wandere ich hinaus zum Hoteleingang. Vielleicht ist sie ja inzwischen auf dem Rückweg …

Ich stehe auf den Stufen, rauche und überprüfe sämtliche Gesichter, die in der Einfahrt und auf dem Platz vor dem schwarzen Gittertor unterwegs sind. Einer der dienstbaren Hotelgeister, die dort in ihren schwarzen Anzügen herumstehen, tritt an mich heran und fragt, ob er mir helfen kann. Hm, mal sehen, vielleicht. Ich erzähle ihm die Geschichte und frage ihn, was man am besten unternehmen sollte, wenn ein Hotelgast spurlos verschwindet. Er hört aufmerksam zu, runzelt die Stirn, zieht die Augenbrauen hoch, denkt nach … „Call her mobile“, lautet schließlich sein fabelhafter Rat. Ähm … tja …

Okay, es reicht. Es geht auf neun Uhr zu. Ich bin müde und verschwitzt und muss morgen um fünf Uhr aufstehen. Um neun geht mein Flieger nach Jaipur. Also ab nach oben und in die Falle. Vorher klingele ich allerdings noch ein letztes Mal an Trudes Zimmertür. Nichts regt sich. Gut, dann ist der Fall für mich erledigt. Ich verziehe mich in mein eigenes Zimmer, drücke den „Privacy“-Knopf und krieche in mein Bett. Gute Nacht, ihr lieben Sorgen! Gehabt euch wohl bis morgen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.