Samstag, 1. Nov. 2014 – Über seltsame Zeitgenossen, Gauris Design Cell und den Geschmack von Abgas und Abenteuer

Für heute habe ich einen rundum durchdachten Plan entworfen und Punkt 1 auf meiner Liste ist Red Chillies Entertainment. Es gibt da nämlich etwas, das mir seit meiner letzten Reise keine Ruhe lässt und heute werden wir der Sache auf den Grund gehen. Die Vorgeschichte dazu gibt es hier:  Die fehlenden „Chilischoten“. Von der Webseite der „Chilischoten“ habe ich die korrekte Adresse entnommen und Tante Google hat mir dazu einen Plan gezeichnet. Also sollte eigentlich nichts schief gehen. Eigentlich …

Ich habe an der Rezeption einen Wagen gemietet und schon beim Einsteigen erleben wir die erste Überraschung. Normalerweise versprühen die Fahrer gute Laune im Überfluss. Sie strahlen wie der Sonnenaufgang und überschlagen sich fast vor Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Manchmal übertreiben sie sogar ein wenig für meinen Geschmack. 

Dieses Exemplar allerdings, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist heute Morgen vermutlich nicht nur mit dem falschen Fuß aufgestanden, sondern gleich komplett aus dem Bett gefallen. Er verzieht keine Miene und brummelt nur unverständliches Zeug vor sich hin. Keine der üblichen Fragen: Ob die Temperatur im Wagen angenehm sei, ob wir Wasser möchten usw. Hm … Vielleicht hat er grade einen Anschiss vom Chef einstecken müssen … Oder er hasst seinen Job grundsätzlich … Oder er hasst seine Frau … Oder der Kinder achtköpfige Schar …

Ich sage ihm, wohin wir möchten, und er runzelt die Stirn. Offensichtlich sagt ihm der Name Red Chillies überhaupt nichts. Also zeige ich ihm Tante Googles Plan und er studiert ihn so konzentriert, als sei das keine simple Landkarte, sondern die Gebrauchsanweisung für mein Ufo-Klo. Dann wirft er den Motor an und braust los.

Wir kurven eine Weile kreuz und quer durch die Stadt und in mir erhärtet sich der Verdacht, dass unser Fahrer nicht recht weiß, wohin. Plötzlich fährt er rechts ran … nein, links ran, lässt die Seitenscheibe herunter und spricht einen Mann an, der am Straßenrand herumsteht. Der Mann runzelt die Stirn. Ich soll ihm meinen Plan zeigen, sagt der Fahrer, also reiche ich den Zettel durch das Fenster. Der Mann studiert die Karte und spuckt einen langen Wortschwall aus, den er mit ausladenden Gesten untermalt. Geradeaus, dann rechts und dann links, entnehme ich seiner Pantomime. Aha!

Wir kurven weiter durch die engen Seitenstraßen und stehen kurz darauf vor einer Straßensperre, hinter der mehrere Bagger und viele Männer mit Schaufeln und Spitzhacken am Straßenbelag werkeln. Die Straße ist wegen der Baustelle offenbar nur in einer Richtung befahrbar. Unser Fahrer schnauft genervt und fährt wieder links ran. Dann greift er sich meinen Zettel, steigt aus und geht hinüber zu einem Kokosnussverkäufer an der Ecke. Sie diskutieren miteinander und bekommen das Problem anscheinend nicht gelöst, denn der Ritter der Kokosnüsse holt noch einen dritten Mann zu Hilfe, der neben seinem Stand herumhängt. Schließlich kommt unser Fahrer zurück.

Red Chillies sei wohl nicht so leicht zu finden, sage ich zu ihm und kann mir ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. Jetzt mal ernsthaft: Wir reden hier ja nicht über eine illegale Autowerkstatt auf einem Hinterhof, sondern über ein international tätiges Unternehmen. Das, was da auf meinem Zettel steht, sei eine alte Adresse, erklärt er mir, aber jetzt habe er die richtige. Wie bitte?

Alte Adresse? Was zur Hölle soll denn das heißen? Red Chillies ist umgezogen und sie haben blöderweise vergessen, diese Kleinigkeit auf ihrer Webseite zu erwähnen? Oder die Stadtverwaltung hat die Straße umbenannt und das ist bei Red Chillies bisher noch niemandem aufgefallen? Oder sie haben das gesamte Gebäude mit dem Gabelstapler von A nach B verschoben? Für wie blöd hältst du uns eigentlich?

Er fährt wieder los. Mittlerweile sind wir schon fast eine Dreiviertelstunde unterwegs für eine Strecke, die laut Tante Google eigentlich – eventuelle Staus einkalkuliert – in zwanzig Minuten zu bewältigen wäre. Wir fahren geradeaus und rechts herum und links herum und wieder rechts … Irgendwie habe ich das Gefühl, wir drehen uns im Kreis, denn manche Straßenecken kommen mir verdammt bekannt vor.

Nun hält er zum dritten Mal an und geht mit meinem Zettel in der Hand hinüber zum nächsten Straßenhändler. Ich glaube es nicht! Mal angenommen, ich wäre geschäftlich hier und hätte in dem Laden um X Uhr ein Meeting, um über einen Millionendeal zu verhandeln. Dann könnte ich nur von Glück sagen, dass es die Inder mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen. In Deutschland hätte ich damit jetzt schon die ersten zehn Punkte verspielt. Und was könnte ich tun in so einem Fall? Sollte ich meinen Gastgeber anrufen und ihm sagen: „Tut mir leid, aber der Fahrer, den das Hotel mir da zugeteilt hat, ist ein Idiot und findet den Weg nicht.“? Das wäre genauso glaubwürdig wie „Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen.“ (Hundebesitzer wissen, dass der letzte Spruch eher noch glaubwürdiger ist).

Er steigt wieder ein. Wir fahren wieder los; kurven noch ein bisschen um die Häuserblocks, biegen um eine Straßenecke und … Hey, ich glaub es schon wieder nicht! Da vorn ist es! Da steht das Gebäude, das ich aus dem Internet kenne!

Er glaubt es auch nicht. Selbst, als wir an der schwarzen Fliesenwand vorbeifahren, an der das Firmenschild klebt, ist er immer noch nicht überzeugt, dass wir hier richtig sind. Junge, da steht es doch; rot und schwarz auf weiß und sogar zweisprachig für alle Fälle! Kann der Mann nicht lesen? Warum darf er dann Auto fahren?

Doch, hier sind wir richtig, versichere ich ihm. Sab thik hai. Alles ist gut. Er soll parken und wir gehen auf Besichtigungstour. Wir brauchen nicht lange; eine halbe Stunde vielleicht. Er murmelt wieder Unverständliches vor sich hin und ich weiß, dass er uns im Stillen für total verrückt hält. Nun gut, so ganz falsch liegt er damit ja nicht, aber das soll nicht sein Problem sein. Es reicht völlig, wenn er einfach nur seinen Job vernünftig macht. Puh, ich muss jetzt dringend raus aus diesem Auto, bevor mir der Kragen platzt und ich meine Manieren vergesse.

Wir steigen aus und Trude steuert schnurstracks auf das breite Tor in der Fliesenwand zu, das von Securities bewacht wird. Ob sie hinein dürfe, um Fotos zu machen, fragt sie allen Ernstes. Ich traue meinen Ohren nicht. Die Jungs freuen sich wie über einen besonders guten Witz, aber: „Sorry, Madam, no permission.“ Trude will das nicht gelten lassen und versucht zu diskutieren. Schließlich sei sie extra aus Deutschland angereist … Den Männern imponiert das wenig. Sie lächeln um die Wette und bleiben eisenhart, was zu erwarten war. Ich meine, würden die jeden Fan des Chefs hereinlassen, käme die Belegschaft da drinnen nie mehr zum Arbeiten.

Also wandern wir ein wenig die Straße hinunter und machen wenigstens von außen Fotos. Dann überlegen wir, ob wir uns im Starbucks niederlassen sollen, aber für die offizielle Mittagspause ist es trotz der langen Herumkurverei eigentlich noch zu früh. Vielleicht sollten wir lieber zu unserer nächsten Station auf der Liste aufbrechen, der High Street Phoenix Mall. Das ist ein Einkaufscenter im Bezirk Lower Parel und dort gibt es einen großen Buchladen. Ich brauche endlich ein vernünftiges Wörterbuch, damit ich meine Hindi-Studien fortsetzen kann, und ich will eins haben, in dem beide Schreibweisen enthalten sind; Devnagari und die lateinische Umschrift. In Deutschland und auf Deutsch gibt es in dieser Hinsicht leider nichts zu kaufen oder nur zu utopischen Preisen. Nun will ich sehen, ob ich hier vor Ort mehr Glück habe.

Und ich will unseren Fahrer loswerden, denn der Typ geht mir auf die Nerven. Er soll uns jetzt noch zur Mall fahren und ich will schwer hoffen, dass er sie im ersten Anlauf findet. Dort kann er uns „droppen“ und dann den Rückweg zu seinem Stützpunkt antreten. Wir werden später für den Heimweg einfach ein Taxi nehmen.

Wir schlendern also entspannt zurück zum Wagen und ich erkläre Muffelchen unser nächstes Vorhaben. Er grunzt sich etwas in den nicht vorhandenen Bart und fährt los. Ah, immerhin scheint ihm der Name der Mall etwas zu sagen. Das ist ja schon mal erfreulich. Nach ein paar hundert Metern fragt er, ob er den kürzesten oder den schnellsten Weg nehmen soll. Ähm … das ist mir relativ egal. Am liebsten wäre mir der richtige Weg.

Ich habe Durst und meine Wasserflasche im Hotel vergessen, aber normalerweise ist das kein Problem. Normalerweise haben die Fahrer Kühlboxen im Kofferraum und drücken einem die herrlich kalte Pulle schon beim Einsteigen in die Hand. Aber dieses Exemplar hier ist ja von einer besonderen Art. Die Wasserflaschen liegen neben mir auf der Mittelkonsole. Ich könnte also einfach zugreifen, aber ich bin ja ein höflicher Mensch und frage erst nach, ob ich mir eine nehmen dürfe. Er grunzt wieder und schaut stur geradeaus. Mein lieber Freund, als bei euch in der Firma das Seminar „Über den korrekten Umgang mit Fahrgästen“ stattfand, hast du garantiert geschwänzt.

Kurz darauf meldet er sich tatsächlich von ganz allein zu Wort. Wenn wir von der Mall aus weiter nach South Mumbai wollten, wäre es besser, den Wagen – also ihn – zu behalten. Hm, ich verstehe. Wir wollen aber nicht weiter nach South Mumbai, sondern zur Mall und danach zu Gauri Khans Design Cell und die liegt laut Tante Google nur ein paar hundert Meter von der Mall entfernt, ist also locker zu Fuß zu erreichen. Folglich steigen wir an der Mall aus und bas!

Es wäre aber preiswerter, ihn warten zu lassen, als später einen neuen Wagen anzufordern, und vielleicht wollen wir ja doch noch nach South Mumbai, wendet er ein. Ich spüre, wie mir langsam der Kamm schwillt. Was zum Teufel ist los mit dem Kerl? Versteht er mein Englisch nicht oder würde er es auch nicht verstehen, wenn ich fließend Hindi spräche? Wir wollen ausgiebig shoppen, erkläre ich ihm noch mal langsam und deutlich, und wollen dabei nicht ständig auf die Uhr sehen müssen. Wenn Ladys auf Shopping-Tour sind, dann kann das dauern, you know? Nein, er weiß es nicht oder er findet mein Witzchen nicht witzig. Auf jeden Fall verzieht er keine Miene.

Endlich erreichen wir die Mall. Danke, das war’s, verkünde ich kurz und bündig, und er soll jetzt zum Hotel zurückfahren. Dann steige ich aus und gehe. Ich habe keine Lust, das Thema noch weiter zu erörtern, verdammt noch mal. Nach ein paar Schritten merke ich, dass Trude nicht bei mir ist, und drehe mich nach ihr um. Ah, der Fahrer versucht es nun bei ihr. Er hat die Seitenscheibe heruntergelassen und diskutiert mit ihr durch das offene Fenster. Ich sehe, wie sie immer wieder den Kopf schüttelt und abwehrende Handbewegungen macht. Dann fährt der Wagen endlich ab. „He is a bumb (er ist ein Penner)“, kommentiert Alok die Szene zwei Tage später, als wir gemütlich bei einem Tässchen Chai in seinem Laden in Jaipur sitzen. Jawohl, das kannst du laut sagen.

Wir ärgern uns gemeinsam und ausgiebig über diesen Idioten, während wir den Security-Check am Eingang der Mall passieren, und als ich auf der anderen Seite meine Handtasche wieder in Empfang nehme, fällt es mir siedend heiß ein: Ich hab die Rechnung nicht abgezeichnet!

Normalerweise drücken einem die Fahrer die kleine, braune Mappe in die Hand, bevor man das Fahrzeug verlässt, aber heute läuft hier offensichtlich gar nichts normal. Wenn ich also jetzt Start- und Endzeit nicht quittiert habe, finde ich den Wagen später garantiert zum Ganztagspreis auf meiner Rechnung wieder und das geht mir dann doch entschieden zu weit; auch wenn frau sich sonst nichts gönnt. Aber was tun?

Ich rufe im Hotel an, überlege ich, obwohl meine Buchhalterseele bei dem Gedanken erschrocken zurückzuckt, aber was hilft es? Besser, ich stelle die Sache gleich richtig, als dass sie mir später mit „Ja, hätten Sie doch gleich mal was gesagt“ kommen. Zum Glück habe ich die Nummer für alle Fälle in meinem Handy gespeichert. Man weiß ja nie, was einem unterwegs alles widerfahren kann. Puh, meine Telefonrechnung …

Die nette Dame an der Rezeption hört sich meine Geschichte geduldig an und sagt das, was sie immer sagen, diese Inder: „But that’s no issue, Madam!“ Kein Problem, ich soll die Sache später, wenn ich zurück bin, am „Cash Desk“ klären. Hm, das werde ich. Darauf könnt ihr euch verlassen.

Die Mall entspricht dem, was wir im Westen darunter verstehen: Glas, Stahl, Beton, Rolltreppen, funkelnde Lichter und glänzende Fußböden; nur alles drei Nummern größer als bei uns. Das Gelände ist riesig und wirkt schon fast wie ein kleines Dorf mit der großen Plaza in der Mitte. Sämtliche Marken von Adidas bis Zara sind hier vertreten und dazu gibt es natürlich Verpflegungsstationen für jeden Geschmack inkl. McDonald’s, Starbucks und sogar Häagen-Dazs! Das würde meine Tochter freuen. Die liebt dieses Eis über alles.

Dank des Lageplans am Eingang finden wir den Buchladen relativ schnell und dort werde ich tatsächlich fündig. Für den fast lächerlichen Preis von 565 Rupien, ca. 7,25 €, erstehe ich ein über 1.000 Seiten starkes Wörterbuch Hindi-English, das genau das enthält, was ich will. Ich bin begeistert! Der Wälzer hat nur einen Schönheitsfehler: Er ist nach dem Hindi-Alphabet sortiert, aber damit werde ich mich schon irgendwie arrangieren.

In den nächsten Stunden streifen wir durch das Einkaufszentrum und stöbern ausgiebig in den vielen Shops, bis unsere Füße anfangen zu murren und unsere Mägen Hunger melden. Nun stellt sich die Frage, wo wir unseren müden Füßen eine Pause gönnen und womit wir unsere Mägen füllen wollen. McDonald’s liegt direkt vor unserer Nase an der Plaza. Eigentlich bin ich kein Fan der matschigen Schwabbelburger, denn ich habe bis heute nicht gelernt, die Dinger zu verspeisen, ohne mich zu bekleckern. Aber ein paar Pommes, Chicken McNuggets und eine schöne kalte Cola … So zwei- bis dreimal im Jahr kann frau ja eine Ausnahme machen. Sie gönnt sich ja sonst nichts.

Vorsichtshalber werfe ich einen Blick durch das Fenster und verschiebe die Idee sofort in den Papierkorb. Der Burgerladen ist – genau wie bei uns zur Mittagszeit – bis in den letzten Winkel vollgestopft mit Jugendlichen. Ich stelle mir die Schlange vor, die uns da drinnen erwartet, und die Geräuschkulisse. Ich komme schon auf Deutsch mit Meckes merkwürdigem Bestellsystem kaum zurecht und dann soll ich das auf Englisch hinkriegen, während hundert plappernde Teenager mir die Ohren volldröhnen? Und falls doch, wie soll ich mich mit meinem Tablett durch das Gedränge wühlen, ohne meine Cola zu verschütten? Und selbst wenn mir das unfallfrei gelingt, soll ich dann letztendlich auf einem winzigen Eckchen an einem mit Ketchup und Mayo bekleckerten Tisch mein Essen in mich hineinschlingen? Och nee!

Also wandern wir weiter und stoßen kurz danach auf Costa Coffee. Jawohl, das ist besser. Der Coffeeshop ist so gut wie leer. Nur eine Handvoll Leute sitzt auf den gemütlichen Polsterstühlen und es herrscht himmlische Ruhe. Hier kann der müde Wanderer ausruhen und findet sogar noch ein extra Stühlchen, um seine Beine hochzulegen. Wir stärken uns mit Kaffee und Kuchen und relaxen ausgiebig, bevor wir zu unserer nächsten Etappe aufbrechen: Gauris Design Cell. Die Stärkung war dringend notwendig, stellen wir wenig später fest.

Laut Tante Google liegt der Laden von Mrs. Khan nur ein paar hundert Meter von der Mall entfernt. Wir müssen nur den Senapati Bapat Marg in südlicher Richtung hinuntergehen und irgendwo rechts muss es dann sein. Ein Kinderspiel! Hm … vorausgesetzt, wir finden erst mal die Straße bzw. den Ausgang, der zu dieser Straße führt. Aus welcher Richtung sind wir denn bloß gekommen?

Die nächste halbe Stunde irren wir hilflos durch die Gegend, wandern um den Kinderspielplatz herum und stehen plötzlich vor einem Bauzaun. Hier geht es nicht weiter, also umdrehen und zurück zum Anfang. Es wäre ja alles nicht so schlimm, wenn das Shoppingcenter nicht über mehrere Ebenen verteilt wäre. Wir steigen eine breite, hohe Treppe hinauf und landen im Parkhaus. Ahnungslos passieren wir den Security-Check, um dann festzustellen, dass wir auf diesem Weg auch nicht zum Ziel kommen. Natürlich führt eine Ausfahrt aus dem Parkhaus hinaus, aber dürfen wir die als Fußgänger auch benutzen? In Deutschland stände hier garantiert ein entsprechendes Verbotsschild, aber selbst wenn hier keins steht: Ist es auch klug, die Ausfahrt hinunterzulaufen, selbst wenn wir dürfen?

Ratlos wenden wir uns an die Dame am Security-Check. Sie lacht herzlich, während unsere Taschen wieder durch den Scanner rollen. Nein, der Ausgang sei in der anderen Richtung, die Treppe hinunter und dann immer geradeaus. Aha? Aus der Richtung sind wir doch grade gekommen? Na gut, vielleicht sind wir ja einfach nur zu blind oder zu blöd …

Zum wie vielten Mal laufen wir jetzt an der Plaza vorbei? Ah, da vorn ist eine Art Torbogen und dort stehen auch wieder Leute in Uniform herum. Das lässt darauf schließen, dass sich dort ein Eingang befindet und den kann man ja im Regelfall auch als Ausgang benutzen. Bingo! Endlich stehen wir an einer Straße. Allerdings ist es nicht die Hauptverkehrsstraße, die wir suchen, sondern die Auffahrt zur Mall. Dahinter befindet sich eine Mauer. Und nun? Rechts führt der Fußweg nach irgendwo, links zu einem kleinen Tor in der Mauer und auch dort steht ein Wachmann. Er lächelt uns freundlich zu, als wir uns an ihm vorbeischlängeln, und endlich stehen wir auf der Hauptstraße. Krishna sei gepriesen! … Oder wer von den vielen Göttern auch immer dafür zuständig sein mag.

Jetzt weiß ich Bescheid. Wir müssen nach rechts und dann gleich die nächste Straße wieder rechts. Nur … da kommt keine nächste Straße, nur eine vergammelte Hofeinfahrt mit einem rostigen Eisentor. Wir laufen weiter; vorbei an Geschäften aller Art, an Suppenverkäufern und Pakore-Ständen und an Heerscharen von Taxi- und Rikscha-walas, die an ihren Karossen werkeln oder in Grüppchen zusammenstehen und ein Schwätzchen halten. „Taxi, Madam? Taxi?“, schallt es von allen Seiten. Nein, danke, noch nicht. Wenn wir Gauris Laden in zwei Stunden immer noch nicht gefunden haben, können wir noch mal darüber reden.

Am Straßenrand taucht ein Gebilde auf, das an einen Bratwurststand auf dem Rummelplatz erinnert. Nur gibt es hier keine Bratwurst, denn das Innere ist komplett leer. Stattdessen sind ringsum an der Verkleidung bis in Bauchhöhe Sandsäcke aufgestapelt. Was ist das? Ein Schießstand? Mitten in der Stadt?

Während ich noch über Sinn und Zweck dieses Verhaus nachdenke, fällt mein Blick auf ein Schild über einem Geschäft: „Raghuvanshi Mills“. In meinem Hirn macht es plötzlich Klick. Moment, habe ich so was nicht auf Gauris Webseite gelesen? Ich versuche, Trude zu rufen, aber die ist mir gute zwanzig Meter voraus und hört mich nicht. Also bleibt mir nichts Anderes übrig, als ihr zu folgen.

Schließlich endet der Fußweg vor einem Laden namens „Oma“. Vor uns liegt nur noch die breite Hauptstraße mit einem Stück Wald an der Seite. Was nun? Ich versuche, Trude zu erzählen, was ich weiter vorn entdeckt habe, aber sie hört mir nicht zu. Daran bin ich gewöhnt. Trude hört selten zu, weiß ich inzwischen. Sie redet lieber selbst und jetzt will sie bei „Oma“ nach dem Weg fragen. Okay, meinetwegen. Omas wissen ja oft bestens Bescheid über die Nachbarschaft. Was genau in dem Geschäft verkauft wird, lässt sich auf den ersten Blick nicht feststellen. Es sieht aus wie ein Möbelstudio und die Schaufensterfront wirkt auf jeden Fall edel und teuer.

Trude geht fragen und ich zünde mir inzwischen eine Zigarette an. Wenig später ist sie zurück in Begleitung eines schmächtigen jungen Mannes. „Er weiß, wo es ist“, verkündet sie, „und er wird uns hinführen.“ Hui, das ist aber nett! Der Junge schreitet auch sofort zur Tat; besser gesagt, er rennt. Er rennt, als sei der Teufel hinter ihm her, dabei sind wir doch nur zwei harmlose alte Weiber. Wir müssen uns mächtig anstrengen, um ihn einerseits in dem Gedränge nicht aus den Augen zu verlieren und uns andererseits auf dem mit Löchern und Stolperfallen übersäten Fußweg nicht den Hals zu brechen.

Schließlich biegt er in die vergammelte Hofeinfahrt ein, die ich zuerst verworfen hatte, läuft noch einige Meter und bleibt stehen. Da vorn ist es, sagt er, und zeigt geradeaus zum Ende der Gasse. Stimmt. Schon von Weitem sehe ich die knallgelbe Eingangstür leuchten. Der Junge bekommt einen Schein in die Hand gedrückt und verabschiedet sich.

Wir schlendern langsam die Straße entlang unserem Endziel entgegen. Der Doorman lächelt uns schon von weitem freundlich zu und reißt sogleich die Tür auf. Woher weiß der Mann eigentlich, dass wir zu ihm wollen? Wir könnten ja schließlich auch etwas Anderes im Sinn haben. Ich werfe einen Blick auf die übrigen Geschäfte in der Straße: ein Küchenstudio, ein Badausstatter, wo man bestimmt auch so ein Ufo-Klo kaufen kann, ein Lampenshop und daneben gibt es Marmorfliesen. Wir sind hier offenbar in der Allee der Innendesigner gelandet. Gauri befindet sich mit ihrem Geschäft in passender Gesellschaft. Na gut, aber wahrscheinlich sehen wir nicht aus, als wären wir auf der Suche nach einer neuen Einbauküche.

Ich bin schon wieder völlig durchgeschwitzt von der Rennerei. Ich brauche noch eine kleine Verschnaufpause und Trude braucht ein Bonbon, bekommt aber ihre Dose nicht auf. Also lässt der Doorman seine Klinke wieder los und spaziert hinüber zu seinem Kollegen vom Küchenstudio, um ein Schwätzchen zu halten.

Aber schließlich treibt uns die Neugier vorwärts und wir betreten voller Erwartung den Design-Tempel. Der Türsteher springt eilig herbei und lässt uns freiwillig ein, ohne nach unseren Kreditkarten zu fragen. Drinnen herrscht angenehmes Dämmerlicht und erfrischende Kühle. Ich schaue mich um und bin erst mal wie erschlagen. Wow! Welch ein Sammelsurium von Kunst und Krempel, das auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenzupassen scheint.

Natürlich habe ich auch all die Bilder gesehen, die in der Presse veröffentlicht wurden, und wusste nicht recht, was ich von der Sache halten soll. Jetzt stehe ich mittendrin und merke vor allem eins: Für diesen Laden muss man Zeit mitbringen. Wenn man hier erst mal anfängt zu stöbern, sollte man besser keine anderen Termine mehr haben an diesem Tag. Ich entdecke Dinge, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie mir gefallen könnten. Einen alten Schrank einfach als Regal an die Wand zu hängen oder eine Trommel zum Beistelltisch oder Sitzmöbel umzufunktionieren … auf solche Ideen muss man erst mal kommen! Auch die Obstkiste und den „Eierkarton“ aus roter Keramik finde ich ausgesprochen originell. Mit solchen Dingen dekoriert Tine Wittler ihre Küchen und ich frage mich regelmäßig, wo zum Teufel sie diese Sachen auftreibt.

Es gibt kein Konzept, hatte Mrs. Khan am Eröffnungstag gesagt. Nun, vielleicht ist das das Konzept: kein Konzept zu haben; zumindest kein allgemein gültiges und für jedermann verständliches Konzept. Vielleicht ist es besser, seine Ideen einfach aus dem Stall zu lassen und zuzuschauen, wie sie auf der grünen Wiese wilde Purzelbäume schlagen. Auf mich wirkt das Ambiente jedenfalls ungeheuer inspirierend und weckt in mir den heißen Wunsch, sofort mein Wohnzimmer umzugestalten.

Trude ist irgendwo in dem Durcheinander auf einen Verkäufer gestoßen und fragt ihn, ob sie Fotos machen darf. Ich muss schmunzeln. Leider sei hier im Laden fast alles verboten, antwortet er und zählt alles auf, was auch auf der Strandpromenade verboten ist. Nur Fotografieren, das sei ausdrücklich erlaubt. Oh! Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet und Gauri steigt auf meiner Beliebtheitsskala um glatte zehn Punkte nach oben. Na, wenn das so ist … an die Kamera … fertig … los!

Wir streifen durch den Laden und knipsen, was das Zeug hält. Sogar das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist erlaubt. Der Verkäufer steht daneben und sieht uns lächelnd zu. Dass ich die kostbaren Sachen mit größter Vorsicht behandele, versteht sich ja von selbst. Würde meine Haftpflichtversicherung eigentlich zahlen, wenn ich hier irgendetwas fallen lasse? Im nächsten Moment entdecke ich noch etwas, das mich gewaltig überrascht: Preisschilder!

An jedem Stück liegt oder hängt ein kleines rotes Pappkärtchen mit einer Zahl und manche Zahlen sind erstaunlich klein. Gauri hat recht, stelle ich in Gedanken fest. Viele der Sachen sind durchaus „erschwinglich“; natürlich nicht für den Kokosnussverkäufer an der Ecke, aber für Mumbais Mittelschicht bestimmt. Man muss also nicht zwangsläufig Millionär sein, um hier etwas zu erwerben. Der rote Lacktisch auf dem ersten Foto kostet z. B. 80.000 Rupien, was etwas über 1.000 € entspricht. Soviel Geld kann man durchaus auch in einem deutschen Möbelladen für einen Tisch loswerden, wenn man kein 08/15-Modell aus gepressten Holzspänen haben möchte. Der Verkäufer stimmt mir zu, als ich den Gedanken laut äußere. Ja, die Preise beginnen bei 3.000 Rupien, aber natürlich haben sie auch Stücke für 300.000. Natürlich, nach oben sind ja selten Grenzen gesetzt.

Trude nimmt die Gelegenheit wahr, über ihr Lieblingsthema zu reden: Mr. Khan. Nein, der komme niemals hierher, erzählt der Verkäufer. Nur einmal am Eröffnungstag sei er hier gewesen, aber da habe er selbst noch nicht hier gearbeitet. Na, das nenne ich doch mal verdammtes Pech!

Ich wandere weiter und entdecke die Stehlampe mit dem Ständer aus alten Büchern, die ich auch schon aus dem Internet kenne. Der Verkäufer bemerkt mein Interesse und gerät in Fahrt. Dazu gebe es auch die passenden Tisch- und Wandlampen, sagt er und weist mich auf die entsprechenden Stücke hin, die ich sonst beinahe übersehen hätte. Die Lampe sieht wirklich witzig und originell aus, aber trotzdem würde ich sie mir niemals ins Wohnzimmer stellen, denn wer möchte daran Staub wischen müssen? Das ist etwas für Leute, die viel Zeit haben oder sich Personal leisten können. Apropos Staub wischen: Die Leute, die diesen Laden sauber halten, sind auch nicht grade zu beneiden.

Kurze Zeit später finde ich eine dunkelblaue Obstschale und überlege ernsthaft, ob ich sie mitnehmen soll. Sie kostet 6.500 Rupien, also etwas über 80 €. Ein stolzer Preis, aber das wäre mal ein Souvenir der besonderen Art statt des üblichen Touristenkrempels „made in China“.

Auch die schwarz-weiße Barockvase gefällt mir sehr gut. Die allerdings würde mein Budget bestimmt sprengen und außerdem ist sie viel zu groß für meinen Koffer. „No problem“, sagt der Verkäufer. Selbstverständlich verschicken sie die Sachen auch nach Deutschland. Das ist gut zu wissen, aber wenn ich sie mir schicken ließe, müsste ich das Paket vermutlich selbst beim Hauptzollamt abholen und der ganze Papierkram ist mir dann doch zu aufwendig. Die Obstschale könnte ich im Handgepäck mitnehmen, aber was ist, wenn irgendein Trottel aus Versehen auf mein Köfferchen fällt? Irgendwie ist mir das alles zu heikel.

Trude fragt nach einer Visitenkarte. Oh ja, das ist eine gute Idee! Ich will auch eine. Der Verkäufer freut sich und drückt uns beiden jeweils ein blaues Kärtchen in die Hand. No problem, sagt er, wenn wir Wünsche oder Fragen haben, sollen wir einfach eine Email schicken. Na klar!

Schließlich verlassen wir den Laden und kehren zurück zur Hauptstraße. Sofort umschwirren uns wieder die Taxifahrer. Sorry, Jungs, aber wir nehmen ja nicht den Erstbesten. Wir wandern noch ein Stück die Straße hinunter bis zu einem Brunnen, dessen Fontäne ihr Wasser freundlicherweise bis auf den Fußweg spritzt. Ah, das ist schön, so eine kleine Abkühlung. Hatte ich schon erwähnt, dass es schrecklich heiß ist in Mumbai?

Ich rauche noch eine Zigarette und dann bekommt der nächste Taxi-wala, der uns anspricht, den Zuschlag. Eine Premiere für mich, den bisher bin ich hier noch nie in einem freien Taxi gefahren. Wir nennen ihm unser Ziel und er überlegt: Taj Lands End? Das ist in Bandra, richtig? Richtig, Bandra West, um genau zu sein. Wie viel? Er überlegt wieder und kratzt sich am Kopf. So um die 450 Rupien, also knapp 6 €. Dafür bekommt man in Langenhagen nicht mal einen Latte und ein Käsebrötchen. Also nicke ich den Preis ab, obwohl Trude offenbar noch verhandeln möchte, aber ich möchte nach Hause und in Gedanken habe ich den Preis sowieso schon auf 500 aufgerundet. Also hinein in die Karosse! Eine Klimaanlage hat der Wagen auch. Sie wird aktiviert, indem man die Seitenscheiben herunterlässt. Einfach und praktisch; kein Hightech-Schnickschnack wie mein Ufo-Klo.

Wir stürzen uns in den Verkehr und unser Fahrer zückt sein Handy. Nein, ich verstehe nicht viel Hindi, aber aus den Stichworten „Taj Lands End“ und „Bandra“ entnehme ich, dass er einen Kumpel anruft, um sicherzugehen, dass er sich nicht irrt, was die Lage des Hotels angeht. Ha, guter Junge! Auf die Idee hätte unser Muffelchen von heute Morgen auch kommen können. Beim Taj sollten sie den Muffel feuern und ihn hier dafür einstellen.

Wir cruisen durch die Stadt und ich genieße den Geschmack von Autoabgasen und Abenteuer. Auf indischen Straßen sieht man die merkwürdigsten Sachen. Ein grüner Müllwagen versperrt die Straße. Hinten klettern Männer in der Müllpresse herum; ein Anblick, bei dem jeder deutsche Arbeitssicherheitsbeauftragte sofort Amok laufen würde. Überhaupt scheint das Sitzen auf der Ladefläche von LKWs während der Fahrt allgemein üblich zu sein. Einer macht auf seiner Ladung sogar ein Nickerchen. Ich sehe ein Ehepaar mit zwei Kindern auf einem Moped. Papa sitzt am Lenker, das kleine Töchterchen vor ihm auf dem Tank. Hinter Papa hockt Mutti im „Damensitz“ und hält das Baby auf dem Arm. Was sind wir Deutschen doch für elende Feiglinge! Wir fahren nicht mal Fahrrad ohne Helm.

Plötzlich tritt unser Fahrer mit Wucht auf die Bremse und wir werden kräftig nach vorn geschleudert. Hui, das war knapp! Schrecksekunde; dann dreht er sich mit breitem Grinsen zu uns um. „No problem!“ Nö, ich hab kein Problem. Es ist schließlich sein Auto und nicht meins.

Weiter geht’s. Am Straßenrand parkt ein blauer LKW mit dem Pepsi-Logo und der Botschaft: „Stop staring, start drinking (Hör auf zu glotzen, fang an zu trinken)“. Ähm … na, zum Glück transportiert er keinen Jägermeister. Neben uns rollt ein Handkarren, der so hoch mit dicken Säcken beladen ist, dass man von seinem Lenker nur noch die Beine sieht. Das Beste aber ist der Mann mit dem Fahrrad. Er hat in zwei Türmen nebeneinander mindestens vierzig Paletten mit leuchtend weißen Hühnereiern auf seinen Gepäckträger gestapelt und schiebt damit seelenruhig durch den Verkehr. Du lieber Himmel, wenn ihm diese Konstruktion aus dem Gleichgewicht gerät, gibt es eine schöne Sauerei! Wahrhaft zirkusreif wäre es allerdings, wenn er mit dem Fahrrad auch noch fahren würde.

Wir unterqueren den Sea Link und fahren an einem Slum vorbei. Unvorstellbar, dass in diesen wahllos übereinander gestapelten Hütten aus Brettern und Wellblech tatsächlich Menschen wohnen! Besonders die oberen Stockwerke möchte ich lieber nicht betreten. Kleine Mädchen mit Säuglingen auf dem Arm sitzen auf den Fußwegen im Dreck. Ziegen streunen umher. Eine ist soeben dabei, einen Pappkarton zu verspeisen. Ich denke flüchtig an meine Mutter, die permanent in Sorge ist, ihr Kühlschrank könnte zu viel Strom verbrauchen. Liebe Mutter, sei froh, dass du einen hast … und Strom noch dazu.

Zurück im Hotel vertrödeln wir den Nachmittag am Pool, bis es Zeit wird für das Abendessen. Trude verzieht sich nach oben und ich begebe mich in die Vista Lounge. Die junge Dame, die mir meinen Tisch zuweist, fragt nach meinem Getränkewunsch und ich bestelle ahnungslos ein Tonic Water. Daraufhin schaut sie mich mit großen dunkelbraunen Kulleraugen an und fragt: „What is that?“ Ähm … wie bitte? Sie weiß nicht, was Tonic Water ist? Das sei ein Softdrink mit Kohlensäure, erkläre ich ihr. Ursprünglich wurde es mal von den Engländern zur Vorbeugung gegen Malaria erfunden, denn es enthält Chinin und das galt damals zur Kolonialzeit als das wirksamste Mittel gegen die Krankheit. Sie ist untröstlich, aber sie haben hier im Restaurant leider keine „sprudelnden Getränke“. Ach, wirklich? Komisch, ich habe hier auch schon Pepsi getrunken. Ist das kein sprudelndes Getränk? Aber ich will mich nicht streiten, also nehme ich Wasser … ohne Sprudel.

Zwei Tage später erzähle ich Alok die Geschichte. Sein Sohn arbeitet im Taj Rambagh Palace in Jaipur, das zur selben Kette gehört, und leitet dort das italienische Restaurant. Beide schütteln fassungslos den Kopf und finden nur eine Erklärung: Sie muss eine Praktikantin sein oder gestern erst dort angefangen haben oder beides.

Ich fülle meinen Teller am Buffet und beginne zu essen, da taucht eine andere junge Dame an meinem Tisch auf. „Good evening, Madam“, begrüßt sie mich mit strahlendem Lächeln, als wären wir alte Bekannte. „How was your day?“ Wie mein Tag war? Ähm … ja … gut natürlich, was denn sonst? Schließlich bin ich im Urlaub. Sie möchte etwas Konversation betreiben, denke ich mir, was durchaus normal ist. Das Personal unterhält sich gern mal mit den Gästen; besonders mit denen, die allein an ihren Tischen sitzen. Aber dann überrascht sie mich total.

Das letzte Mal, als sie mich gesehen habe, erzählt sie, habe ich ein T-Shirt mit dem Bild von Shah Rukh Khan getragen. Mir fällt fast die Gabel aus der Hand. Ich überlege: Der fachmännisch in der Druckerei hergestellte Khan, den man bei 30° in der Waschmaschine waschen darf, liegt unberührt oben im Kleiderschrank und wartet auf seinen morgigen Einsatz. Und das andere, selbstgedruckte Shirt ist mittlerweile derart zerbröckelt, dass ich es nur noch zum Unkrautrupfen anziehe. Wenn sie mich also nicht mit jemandem verwechselt und mich tatsächlich in einem Khan-Shirt gesehen hat, dann kann das nur im März gewesen sein.

Ja, das stimmt, sagt sie, das war zu Holi. Ich bin platt! Das ist über sieben Monate her! Wie viele Gäste laufen wohl in so einem Zeitraum durch dieses Hotel? Und sie hat mich tatsächlich wiedererkannt? Ich gratuliere ihr zu ihrem fabelhaften Gedächtnis und sie freut sich. Na ja, sie sei eben auch ein Fan und deshalb sei es ihr aufgefallen. Wir fachsimpeln noch ein wenig über unseren Lieblingshelden. Dann muss sie weiter und sich um die übrigen Gäste kümmern.

Und ich muss nach oben und endlich die ersten Notizen für meine Reiseberichte zu Papier bringen, bevor ich wieder die Hälfte der erlebten Stories vergesse wie beim letzten Mal. Und morgen ist dieser ganz besondere Tag. Da kommt schon wieder ein Haufen neuer Stoff dazu …

Ein Gedanke zu „Samstag, 1. Nov. 2014 – Über seltsame Zeitgenossen, Gauris Design Cell und den Geschmack von Abgas und Abenteuer

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