Freitag, 31. Okt. 2014 – Über die Schwierigkeit, zu telefonieren, Wegelagerer und einen verbummelten Tag

Als ich aufwache, ist es bereits 9:00 Uhr. Hoppla! Eigentlich wollten wir in einer halben Stunde beim Frühstück sitzen. Trude hatte sich in der Nacht schon Sorgen gemacht, dass wir vielleicht nichts mehr bekommen könnten, wenn wir uns nicht beeilen. Frühstück gebe es nur bis 11:00 Uhr, hat ihr der Concierge gesagt, der sie auf ihr Zimmer gebracht hat. Ich halte das für Blödsinn. Wir sind hier im Taj. Hier bekommt man alles und das rund um die Uhr. Vorsichtshalber werfe ich aber doch einen Blick in das fünfzig Seiten starke Ringbuch unter dem Schreibtisch, in dem der geneigte Gast mit sämtlichen Leistungen und Angeboten des Taj Lands End Hotels vertraut gemacht wird, ausgenommen mit den Tücken der Lichtanlage und dem Ufo im Bad. Frühstück gibt es bis 11:30 Uhr, entnehme ich dem schlauen Wälzer. Na also! 

Trotzdem raffe ich mich schleunigst auf und hüpfe ins Bad. Ich will ja wenigstens angezogen sein, wenn Trude mich abholt. Das Ufo scheint beleidigt zu sein, weil ich seine Dienste nicht zu würdigen weiß. Es leuchtet still und leise vor sich hin und zuckt mit keiner Taste. Sehr gut. Bleib so, dann können wir die paar Tage gut miteinander auskommen.

Wie die Duscharmatur funktioniert, finde ich zur Abwechslung in Sekundenschnelle heraus und alles läuft wie am Schnürchen. Aus alter Gewohnheit überlege ich, wie wohl das Wetter draußen ist. Eine überflüssige Frage, denn in dieser Hinsicht bietet Mumbai keine Überraschungen. Um diese Zeit liegt noch ein leichter Dunst über der Stadt, der sich aber bis Mittag verzogen haben wird. Der Himmel ist blau, vielleicht mit ein bis zwei Wölkchen und die Temperatur liegt auf jeden Fall bei um die 30 °C.

Draußen passiert irgendetwas. Ich höre metallisches Geschepper, Glockenschläge und lautes Geschrei und öffne die Vorhänge, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nanu, was mag wohl dieser Menschenauflauf da unten bedeuten? Aber mit meiner Einschätzung bezüglich des Wetters liege ich zumindest schon mal richtig.

Als Nächstes packe ich meinen Koffer aus und stapele meine Sachen schön ordentlich in den Kleiderschrank, ein gutes Gefühl. Diesmal muss ich nicht jeden Morgen den Koffer durchwühlen wie bei meinem ersten Trip im März. Ich werfe mich in ein x-beliebiges T-Shirt und meinen Lieblingsflatterrock. Ach, ich liebe das Klima hier. Socken, Unterhemden, Pullover, Steppjacken, Pelzstiefel, Mützen, Schals, Handschuhe … Dieses ganze dicke Winterzeug braucht man hier nicht. Doch, daran könnte ich mich gewöhnen.

Wenig später erscheint Trude, um mich abzuholen, aber natürlich bin ich noch nicht fertig, denn ich muss noch meinen Papierkram ordnen. Wie schon gesagt: Ich habe dazugelernt und für meine täglichen Unternehmungen ein zweites, handliches Portemonnaie mitgebracht. Das ist für das dicke Bündel Rupien gedacht, das ich gleich unten an der Rezeption eintauschen werde. Wenn man nämlich die schlabbrigen Scheine zu einer Rolle gedreht in der Tasche trägt, wie ich es beim letzten Mal getan habe, kommt man als Ungeübte beim Bezahlen unweigerlich ins Schleudern.

Die große Brieftasche wird im Safe deponiert, denn darin befinden sich unter anderem auch meine EC-Karte und mein Führerschein und beides möchte ich ungern verlieren. (Hä?! Wozu braucht die in Indien einen Führerschein? Ist sie lebensmüde?) Nein, ist sie nicht und sie braucht ihn auch nicht in Indien, aber möglicherweise auf dem Rückweg in Deutschland. In meiner Hirnzentrale kleben gleich zwei böse Schlagwörter an der Pinnwand: „Pilotenstreik“ und „Bahnstreik“. Sollte also eins von beiden – oder auch beides gleichzeitig – ausgerechnet dann stattfinden, wenn ich zurückkomme, kann ich mir wenigstens ein Auto mieten … sofern dann noch Mietwagen zu bekommen sind.

Aber diese Fragen stellen sich erst, wenn es soweit ist. Vorläufig kümmern wir uns um das Naheliegende, das Frühstück. Auch in der Vista Lounge wirkt alles vertraut wie immer. Wir werden von einer freundlichen jungen Dame an einen Tisch geleitet, bestellen Kaffee und machen uns auf, um das Buffet zu erkunden. Upps! In den Töpfen auf den Warmhalteplatten, in denen ich mein Rührei und meine Kartoffelplätzchen zu finden hoffte, klaffen erhebliche Lücken. Auch die Käseplatten sind so gut wie leer, ebenso die Karaffen mit den Säften. Ratlos kehre ich mit meinem fast leeren Teller, auf dem sich ein einsames Häppchen Gorgonzola langweilt, an meinen Tisch zurück.

Nein, das Buffet sei nur bis 11:00 Uhr geöffnet, erfahren wir von dem Kellner, der unseren Kaffee bringt. Jetzt ist es 10:45 Uhr und ein Schwarm junger Männer mit hohen weißen Kochmützen schleppt bereits die schweren Eisentöpfe aus dem Saal. Das dicke Ringbuch unter meinem Schreibtisch scheint nicht ganz auf dem Laufenden zu sein. Aber wir können natürlich trotzdem alles bekommen, was wir wollen, fügt der Kellner hinzu. Das ist ein Wort. Für mich ist die Sache klar: Ich will Croissants! Nein, ganz normale, kein Schoko und kein Vollkorn … and some orange juice, please. Dann flitze ich hinüber zur Kühltheke, um mir noch einen Becher Joghurt zu sichern, bevor auch da alles abgeräumt wird. Okay, morgen müssen wir vielleicht doch ein bisschen früher aufstehen.

Während wir unsere Mahlzeit verzehren, beratschlagen wir, was wir mit dem angebrochenen Tag noch anfangen könnten, aber viel Sinnvolles fällt uns nicht ein. Also beschließen wir, nach dem Essen auf gut Glück ein wenig durch die Gegend zu wandern, und wenn wir ordentlich durchgeschwitzt und müde sind, werden wir den Rest des Nachmittags am Pool vertrödeln.

Gesagt, getan. Trude fährt noch mal nach oben und ich gehe inzwischen Geld wechseln. Als das erledigt ist, lasse ich mich in der Lobby nieder und schreibe eine SMS an meinen Freund Alok in Jaipur, denn ich hatte ihm versprochen, mich zu melden, sobald ich im Lande bin. Natürlich fragt er sofort nach meinen Flugdaten. Er hat eine „Wirbelwind“-Tour für mich geplant und die beginnt, sobald ich den Fuß aus dem Flughafen setze, schreibt er zurück.

Ich muss lachen. Alok ist wirklich ein Pfundskerl; der Typ, mit dem man Pferde stehlen kann. Normalerweise soll man mit Internetbekanntschaften ja äußerst vorsichtig sein und normalerweise bin ich das auch, aber bei ihm habe ich inzwischen keine Bedenken mehr. Unzählige Arbeitstage habe ich mit ihm verchattet, an denen ich mich eigentlich der Buchhaltung hätte widmen sollen, und mittlerweile kenne ich ihn und seine Familie in- und auswendig.

Wir haben über viele Dinge des Lebens erstaunlich gleiche Ansichten, nur in einem Punkt nicht: Er interessiert sich nicht im Geringsten für Bollywood und versteht absolut nicht, was ich an diesem „Mumbai guy“ so toll finde. Er versteht es auch bei seiner Mutter nicht. Die ist mit ihren 75 Jahren immer noch ein glühender Shah Rukh-Fan und versäumt keinen seiner Filme, wenn sie im Fernsehen laufen. Und weil ich ein Biest bin, ziehe ihn ständig damit auf, dass ich, wenn ich zu Besuch komme, mich nur noch mit seiner Mutter unterhalten und ihn völlig links liegenlassen werde.

Am Montag also werden wir uns zum ersten Mal im echten Leben treffen und ich freue mich riesig darauf. Mit den Flugdaten ist das allerdings nicht so einfach, denn Air India hat da so ihre ganz eigenen Ideen. Der ursprüngliche Plan lautete: Abflug von Mumbai um 9:00 Uhr, Landung in Jaipur um 10:35 Uhr, Rückflug am nächsten Tag um 13:20 Uhr, Landung in Mumbai um 15:10 Uhr.

Zwei Monate blieb das auch so. Am 19.10. flatterte mir dann plötzlich eine Mail in den Posteingang, in der sie mir kurz und bündig mitteilten, mein Hinflug sei auf 14:40 Uhr verschoben, „due to operational reasons“, aus organisatorischen Gründen, was immer das auch heißen mag. Ich war, schlicht gesagt, stinksauer, denn mit diesem mickrigen Zeitfenster lohnte es sich ja fast nicht, überhaupt zu fliegen. Während ich noch überlegte, die Flüge umzubuchen, erreichte mich ein paar Stunden später die nächste Mail vom Air India – Bombay Space Control Office: Mein Rückflug war nun auf 17:35 Uhr verschoben. Na gut, damit war ja der ursprüngliche Plan fast wieder hergestellt, wenn auch etwas zeitversetzt, aber damit konnte ich leben.

Am 25.10. kam dann zu meiner Überraschung und Freude Mail Nr. 3: Nun war mein Hinflug doch wieder auf 9:00 Uhr vorverlegt. Schön! Ich mochte dem Frieden allerdings nicht recht trauen und wartete den ganzen Tag gespannt auf Mail Nr. 4, die mir mitteilen würde, dass sie auch meinen Rückflug wieder geändert hatten, aber die blieb merkwürdigerweise aus. Somit hatte ich fast zwei volle Tage in Jaipur und hätte zufrieden sein sollen, aber irgendeine sarkastische Ader in mir wollte keine Ruhe geben und malte sich aus, wie es wohl da im Bombay Space Control Office zugegangen sein mag:

Wahrscheinlich haben sie ewig lange hin und her überlegt und dann hat der Ranjit zu seinem Kollegen gesagt: „Weißt Du was, Gopal? Wenn wir morgens um 9 fliegen, sind wir pünktlich zu Middach wieder hier und können bei Muddi lecker Curry mampfen. Geile Idee, oder?“
Aber da hat sich der Gopal gleich ein paar Mal hintereinander an die Stirn getippt – so heftig, dass er dort hinterher einen roten Punkt hatte – und hat gesagt: „Blödsinn, Ranjit! Das wird viel zu knapp und wenn wir nicht pünktlich sind, frisst uns die bucklige Verwandtschaft wieder alles weg! Lass uns mal lieber nach dem Middach fliegen. Sagen wir mal … so zwanzig vor drei.“
Da hat sich aber der Ranjit an die Stirn getippt und hat gesagt: „Das geht nicht. Dann verpassen wir nämlich den Feierabend und dann gibt‘s wieder Mecker vom Chef, wenn wir Überstunden aufschreiben.“
Das hat dem Gopal eingeleuchtet. Er hat sich über seinen langen Bart gestrichen und genickt: „Ok, dann fliegen wir eben doch um 9.“ Und dann hat er sich an seinen Computer gesetzt und eine neue Mail an diese Mrs. Schirmer in Germany geschrieben …

Also werde ich Alok die Flugdaten erst am Sonntagabend mitteilen, wenn ich halbwegs sicher sein kann, dass sich nichts mehr ändert. Er gibt sich damit aber nicht zufrieden. Was billiger für mich sei, will er wissen, anrufen oder angerufen werden? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass mich eine Minute nach Indien telefonieren satte 3 € kostet, denn obwohl ich mich im Land befinde, wird es abgerechnet, als säße ich zu Hause an meinem Schreibtisch. Und er zahlt auch noch mal 1,50 € pro Minute, wenn ich mich nicht irre. 3 € sei nicht teuer, meint er. Ich soll ihn anrufen und wir werden es ganz kurz machen. Na schön, ich merke ja, dass er vor Neugier beinahe platzt und frau gönnt sich ja sonst nichts …

Also wähle ich und habe ihn auch gleich an der Strippe. Wir schaffen es grade so, zwei Sätze zu wechseln, da kommt einer dieser netten jungen Herren im schwarzen Anzug auf mich zu. „Excuse me, Madam“, strahlt er mich an. „Are you Mrs. Karachi?” Wie bitte? Ich schüttele stumm den Kopf. Nein, ich bin nicht Mrs. Karachi und davon abgesehen telefoniere ich grade, und zwar mit Indien. Siehst du das nicht, mein Junge?

Er trollt sich davon und ich tausche zwei weitere Sätze mit Alok. Da kommt ein netter junger Herr im schwarzen Sherwani auf mich zu und er hat einen himmelblauen Rollkoffer im Schlepptau. „Excuse me, Madam. Is this your luggage?“ Ich atme einmal kräftig ein und schüttele wieder stumm den Kopf. Nein, das ist auch nicht mein Gepäck. Er glaubt mir nicht. „Are you sure?“ Ich nicke heftig. Ich bin so was von verdammt sure, dass dies nicht mein Koffer ist. Darf ich jetzt bitte in Ruhe telefonieren?

Nein, darf ich nicht. Der schwarze Sherwani gesellt sich zu dem schwarzen Anzug und sie diskutieren miteinander. Das bekomme ich aus den Augenwinkeln mit, während ich versuche, das Gespräch mit Alok fortzusetzen. Sekunden später starten sie im Doppelpack einen neuen Angriff. „You are not Mrs. Karachi?“, fragt der schwarze Anzug sichtlich irritiert. Ich bitte Alok, einen Moment zu warten, hole tief Luft und bemühe mich, nett zu bleiben. „No, I am not Mrs. Karachi“, erkläre ich noch mal langsam und deutlich, „and this is not my luggage. My name is Schirmer.“ Und ich bin keine Terroristin, aber ich könnte zu einer werden, wenn ihr mich jetzt nicht in Ruhe lasst. In meinem Hinterkopf rattert der Gebührenzähler wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Es kann doch alles nicht wahr sein! Da telefoniere ich einmal in meinem Leben mit meinem Handy aus Indien über Deutschland nach Indien und …

„Ah, Mrs. Sharma“, freut sich der Sherwani. „Nice to meet you! How are you?“ Okay, jetzt wird die Sache langsam komisch. Meinetwegen, dann bin ich eben Mrs. Sharma. Hauptsache, ich bin nicht Mrs. Karachi. „I’m fine, thank you“, lasse ich die Standardantwort ab und zeige auf mein Handy. „Sorry, I am on the phone.“ Beide gucken so erstaunt, als hätte ich ihnen verraten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Dachtet ihr, ich will mir mit dem Knochen das Ohr wärmen?

„Oh, so sorry, Madam“, sagt der schwarze Anzug. „Did not mean to bother you.“ Ja, schon gut, ich weiß ja, dass ihr nicht stören wolltet. Sie falten brav ihre Hände unter dem Kinn und dienern davon. Alok will sich kaputtlachen, als ich ihm die Szene schildere. Der Spaß schlägt mit stolzen 12,56 € zu Buche, stelle ich später in der Heimat beim Blick in meine Telefonrechnung fest. Na ja, frau gönnt sich ja sonst nichts …

Trude erscheint auf der Bildfläche und wir können nun zu unserer Wanderung aufbrechen. Preisfrage: Wohin werden wir unsere Schritte zuerst lenken? Genau! Wir müssen schließlich herausfinden, wo und wann am Sonntag die große Party stattfinden wird. Außerdem bleibt uns gar nichts Anderes übrig. Das Hotel ist an drei Seiten vom Meer umgeben. Von daher führt der Weg von hieraus nur in eine Richtung. An King Khan kommt man eben nicht so leicht vorbei. Okay, man könnte noch die Kane Road nehmen, wenn man will, aber wer will das schon.

Wir nicht, wir wollen nach Mannat. Trude stürzt sich sofort auf die Jungs von der Security und findet heraus, dass sich der King am Sonntag um 16:00 Uhr und um 19:00 Uhr seinem Volk zeigen wird. Okay, das ist vermutlich als grober Zeitrahmen zu werten. Insider wissen, dass es Mr. Khan mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt.

Trude macht Fotos und dann beschließen wir, die schmale Straße am Hintereingang der Villa hinaufzusteigen, um die Mt. Mary Church zu besichtigen. Nach wenigen Metern bin ich allerdings nicht mehr sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist. Der Hang zieht sich ziemlich steil dahin und die wahllos in den Boden gehauenen Stufen entpuppen sich als gefährliche Stolperfallen. Hier muss man gut aufpassen, wo man hintritt. Nach kurzer Zeit bin ich komplett durchgeschwitzt. Zu allem Übel verengt sich die Straße immer mehr zu einer engen Gasse mit merkwürdigen Buden an den Seiten, in denen merkwürdige Gestalten herumhängen. Mein Bauch meldet ein ungutes Gefühl und schlägt vor, lieber den Rückzug anzutreten.

Vor einer Hütte liegt ein weiß-gelb gefleckter Hund. Er hat ungefähr die Größe eines Dalmatiners, aber irgendeine Rasse ist an ihm auch mit viel Fantasie nicht festzustellen. Als wir näherkommen, mustert er uns sehr interessiert und springt schließlich auf, um uns zu begrüßen. Wahrscheinlich haben ihm seine sieben Millionen Riechzellen in der Nase verraten, dass zumindest eines dieser Frauchen zu Hause selbst zwei Fellträger hat, und wahrscheinlich schließt er daraus, dass meine Hundeliebe von universaler Natur ist und es bei mir etwas abzustauben gibt. Fröhlich hechelnd und schwanzwedelnd stellt er sich mir in den Weg und grinst mich erwartungsvoll an.

Nun habe ich grundsätzlich kein Problem mit Hunden aller Art, aber bei diesem hier bin ich lieber vorsichtig. Er ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geimpft, hat vermutlich noch nie in seinem Leben eine Wurmkur bekommen und ich will gar nicht wissen, was für Getier in seinem Fell zur Untermiete wohnt. Also schiebe ich mich in möglichst großem Abstand an ihm vorbei, aber so einfach lässt er mich nicht davonkommen. Er verfolgt mich und ist anscheinend fest entschlossen, den Wegezoll von mir einzutreiben. Trude ist mir ein Stück voraus und ich sehe, wie sie grade von einem weiteren großen Köter belästigt wird. Der sieht aus wie ein weißer Rottweiler und springt sie sogar an!

Das ist der Moment, in dem mein Bauch die Nerven verliert und lautstark zum Rückzug bläst. Ich mache kehrt und wandere gemächlich die Straße wieder hinunter. Dem Flohständer ist es recht. Er heftet sich unbeirrt an meine Fersen und hofft offenbar immer noch auf ein Leckerchen. Hm, wie man menschliche Bettler verscheucht, habe ich ja schon erfolgreich ausprobiert, aber was zum Teufel heißt „Pfui“ und „Aus“ auf Hindi? Du lieber Himmel, um was man sich alles kümmern muss vor so einer Reise …

Aber vielleicht ist es sowieso besser, wenn ich „Hundi“ statt Hindi praktiziere. Also bleibe ich stehen, stelle mich dem bepelzten Straßenräuber groß und breit in den Weg, verschränke die Arme und schaue so arrogant und gelangweilt wie möglich über ihn hinweg. „Ich bin hier das Alphatier“, heißt das auf Hundi, „und du, mein Junge, räumst besser so schnell wie möglich das Feld.“ Er stutzt und glaubt meine Signale erst nicht. Meint die das tatsächlich ernst? Ich sehe ihm an, dass es in seinem Hirn heftig arbeitet, und rühre mich nicht vom Fleck. Und schließlich akzeptiert er es, schwenkt ab und trottet heimwärts. Ha, es hat funktioniert! In Gedanken gebe ich mir Fünf und bin regelrecht stolz auf mich.

Gehen wir lieber hinunter zum Strand und sehen nach, was es dort zu entdecken gibt. Ähm … das Wort „Strand“ ist in diesem Zusammenhang natürlich fehl am Platz, zumindest hier am Bandstand. Mumbai ist kein Ort für Badetouristen. Die Probleme mit dem Müll und dem Abwasser sind hinreichend bekannt. Und trotzdem sehen wir immer wieder Leute, die in den stinkenden Pfützen, die die Flut hinterlassen hat, ihre Wäsche waschen.

Wir schlendern gemächlich die Promenade entlang, bis mein Nikotinometer den Wunsch nach Input signalisiert. Ich sehe mich vorsichtshalber nach einem „No smoking“-Schild um, finde aber keins. Also lassen wir uns auf einer Bank nieder und ich zünde mir eine Zigarette an. Keine Minute zu früh, stelle ich wenig später fest.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wer von euch hat sich schon mal über den deutschen Schilderwald geärgert? Hand hoch! Richtig, das haben wir alle schon. Und wir denken auch alle gern, dass es woanders auf der Welt viel lockerer zugeht als im straff durchorganisierten Germany. Denkste! Nur wenige Meter nach meiner Zigarettenpause kommt Indiens Beitrag zum Thema Schilderwald:

„Haushunde verboten“

Logisch, dass dieses Schild nur für Haushunde gilt. Die Streuner können mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lesen.

 

 

 

„Rad fahren verboten“

Hm, okay, hab sowieso keins dabei. Übrigens (weil eine Freundin von mir das Bild schon mal entsprechend kommentiert hat): Die Promenade befindet sich in meinem Rücken und die ist ordentlich gepflastert, sodass man durchaus darauf Rad fahren könnte … wenn man denn dürfte.

„Baden verboten“

Ein absolut überflüssiges Schild. Das will hier sowieso niemand. Außerdem ist kein Wasser da. Was haben wir noch?

 

 

 

„Kochen verboten“

Das Foto sorgte für einige Lacher bei meinen Freunden, wobei die natürlich nicht bedacht hatten, dass es in dieser Stadt immer noch viele Menschen gibt, die unter freiem Himmel wohnen müssen … und kochen.

 

„Essen verboten“

Ja, nee, is‘ klar! Wenn ich nichts kochen darf, kann ich auch nichts essen. Logisch.

 

 

 

„Trinken verboten“

Upps! Soll das heißen, meine Wasserflasche ist illegal? Oder meinen die: „Sinnlos volllaufen lassen verboten“?

 

 

„…“

Jaa … jaa … is‘ ja gut! Ich weiß es doch. Hab nix Anderes erwartet.

 

 

 

 

Aber irgendwie sind sie ja doch kleine Witzbolde, die Inder. Am Ende der Schilderallee kommt das:

„Das Leben ist kurz. Lächle, solange du Zähne hast.“

Hm … fällt schwer, wenn einem alles verboten wird.

Und jetzt: „Geh nach links.“

Warum? Weil dort die Zahnarztpraxis ist?

 

Na schön, gehen wir also nach links; aber nicht, weil das Schild es uns vorschreibt, sondern weil wir sowieso in diese Richtung wollen. Wir wandern die Promenade entlang bis zum Hafen der Koli-Fischer. Dann wird es uns endgültig zu heiß und als wir schließlich noch an einer Plakatwand vorbeikommen, auf der Kareena Kapoor genießerisch ihr Magnum schleckt, steht unser Entschluss fest: Rückmarsch und in dem kleinen Coffee Shop beim Chef um die Ecke einen ordentlichen Kaffee und ein Stück Kuchen oder ein Sandwich einwerfen.

Danach fühlen wir uns gut gestärkt und marschieren zurück zum Hotel, denn nun ruft uns der Pool. Oh ja, ich freue mich ungemein auf ein erfrischendes Bad.

Auch am Pool ist alles wie immer. Der Poolboy geleitet uns zu unseren Liegen im Schatten, bringt uns die Handtücher und die obligatorischen Wasserflaschen. Wir schwimmen und faulenzen und lassen Gott und Shiva fromme Männer sein. Der Pool ist nur spärlich besucht und es herrscht himmlische Ruhe … ähm … naja … fast.

Es könnte alles in bester Ordnung sein, wenn dieser Typ da nicht wäre. Aus irgendeinem Grund, den wahrscheinlich nur ein Rabenvogel versteht, hockt er da oben auf seinem Ast und krächzt uns die Ohren voll. Vielleicht ist er sauer, weil sein Chef, der Oberkrächzer drüben am Beckenrand, ihn immer vertreibt. Der hüpft nämlich die ganze Zeit mit hoch aufgeplusterter Mütze hin und her und scheucht alles weg, was Federn trägt. Vielleicht langweilt er sich aber auch nur …

Gegen halb sieben bricht die Dämmerung herein und das wirft die Frage nach dem Abendessen auf. Für mich steht bereits fest, wo und was ich essen werde. Ich freue mich schon den ganzen Tag auf mein Abendbuffet, wo ich nach Herzenslust in den vielen Töpfen stöbern kann und von allem ein Häppchen probieren. Ganz besonders reizt mich das in Knoblauchbutter gegrillte Gemüse, dazu ein paar Countrykartoffeln und gebratene Hähnchenbrust … oder mal sehen, was die Jungs aus der Küche sonst noch Schönes gezaubert haben.

Trude dagegen ist wenig begeistert. Sie mag das indische Essen nicht und außerdem ist ihr das alles viel zu teuer. Ihr Budget ist äußerst knapp kalkuliert, erzählt sie mir nun zum xten Mal. Ja, meine Liebe, ich weiß es ja inzwischen.

Ich verstehe ihr Problem, denn ich habe auch keinen Goldesel zu Hause – wenngleich es manchmal so aussehen mag – und es ist reiner Zufall, dass ich mir in diesem Jahr gleich zweimal Indien leisten kann. Aber ich habe auch keine Lust, mich jetzt wieder unten an der Straße in den Coffee Shop zu setzen und mir eins von diesen 08/15-Sandwiches reinzuziehen, die überall auf der Welt gleich schmecken. Nach dem ganzen Flugzeugessen brauche ich endlich eine vernünftige, warme Mahlzeit auf dem Teller. Im Übrigen gibt es auch Nudeln und Pizza im Taj.

Schließlich entscheidet sie sich doch, mich zu begleiten, und bestellt Spaghetti Bolognese. Ich bediene mich ausgiebig von den guten Sachen am Buffet. Mmh, dieses geschmorte Kohlgemüse ist besonders lecker. Dafür hätte ich gern das Rezept, aber ich schätze, das werden sie mir nicht verraten. Schließlich bin ich pappsatt und möchte eigentlich nur noch in mein Bett. Die letzte Nacht war ein bisschen kurz.

Trude dagegen steckt voller Elan. Sie will noch mal nach Mannat. Ich seufze im Stillen, aber andererseits kann ein kleiner Spaziergang nach so viel gutem Essen nicht schaden. Also schön, werfen wir uns ins Getümmel.

Der indische Straßenverkehr ist eine gute Gelegenheit, sich das europäische Sicherheitsdenken abzutrainieren. Links gucken, rechts gucken und dann hinüber, wie wir es bereits im Kindergarten gelernt haben; so viel Zeit bleibt einem als Fußgänger hier nicht, wenn man nicht am Straßenrand festwachsen will. Außerdem fahren sie ja auch noch auf der „falschen“ Seite. Von daher kommt „rechts gucken“ zuerst, was ich mir während meiner Englandreise im August immer wieder in Erinnerung rufen musste. In London haben sie das an den Fußgängerüberwegen sogar auf die Straßen gemalt; extra für die vertrottelten Ausländer vermutlich.

Wenn man also sein Ziel in einer akzeptablen Zeit erreichen möchte, bleibt einem nichts Anderes übrig, als Haken schlagend wie ein Hase durch die Blechlawine zu sprinten, was auf die Dauer ziemlich anstrengend ist; besonders für eine alte Schachtel wie mich und noch dazu bei dieser Wärme. Die Inder dagegen haben Vertrauen in ihre Mitmenschen, stelle ich immer wieder fest, und bauen darauf, dass die Anderen schon aufpassen werden. Und es funktioniert, wie man sieht. Also beschließe ich nach einer Weile, die Sache mit indischer Gelassenheit zu behandeln, frei nach dem Motto: „Ihr habt doch alle Augen im Kopf und eine Bremse. Benutzt sie gefälligst.“

An der Villa ist nichts los. Ein paar Leute stehen vor dem Eisentor herum. Andere sitzen auf den Bänken auf der Verkehrsinsel. Gegenüber an der Straßenecke lehnt ein Security am Stromkasten und langweilt sich. Trude macht Fotos. Hm … die Villa sieht noch genauso aus wie heute Mittag. Warum zum Teufel …? Ich muss schmunzeln. Wenn bei jedem Foto, dass von diesem Anwesen geschossen wird, ein Bröckchen Putz aus der Mauer fiele, dann hätte Familie Khan schon längst kein Dach mehr über dem Kopf.

Plötzlich tut sich aber doch etwas. Der Security an der Ecke erwacht zum Leben, greift zu seinem Funkgerät und stellt sich eilig in die Mitte der Straße. Ich wittere, was kommt, und zerre schleunigst die Kamera aus der Tasche. (Ja, ihr Lieben, ich habe meine Kamera dabei! Dieses Mal gehe ich keinen Meter ohne meine Knipse.) Oben am Hintereingang öffnet sich das Tor. Ein weißer Wagen prescht laut hupend die Straße herunter, direkt auf mich zu. Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, auf das Display zu schauen, sondern halte auf gut Glück einfach drauf. Keine Zeit für Feinheiten; hier geht es um Sekunden. Das Auto kurvt mit quietschenden Reifen um die Spitze der Verkehrsinsel und rast mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit auf der Strandstraße davon.

Wir Augenzeugen schnappen erst mal nach Luft und haben alle die gleichen Fragezeichen auf der Stirn: War er es? War er es nicht? Hat jemand das Nummernschild gesehen? Nein, dafür ist es doch viel zu dunkel hier. Wilde Spekulationen machen die Runde. Irgendwer behauptet, es sei ein Cabrio gewesen. Ich habe keine Ahnung.

Zehn Minuten später, während wir immer noch darüber nachsinnen, ob wir womöglich Zeuge eines besonderen Augenblicks geworden sind, brettert derselbe Wagen aus der Gegenrichtung wieder heran, düst die Straße hinauf und verschwindet im Hintereingang. Ah, nun ist die Sache klar: Cheffe musste mal eben Zigaretten holen!

Später stelle ich dann fest, dass ich gar nicht so schlecht getroffen habe …

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