Donnerstag, 30. Okt. 2014 – Über Reisebekanntschaften, Heimatgefühle und die Tücken der Technik

Es geht wieder los! Ich freue mich wie Bolle auf meine zweite Reise nach Indien und diesmal habe ich sogar eine Reisebegleitung.

Um 6:56 Uhr fährt mein Zug von Wolfsburg nach Hannover. Um 6:40 Uhr bin ich mit meinem Sohn am Bahnhof verabredet. Dort soll er mein Auto übernehmen und damit zu mir nach Hause in die Pampa fahren, um meine Hunde zu hüten. Während ich meine restlichen Sachen packe, fällt mir etwas ein: Hat Sohn noch einen Schlüssel fürs Haus? Und wenn ja, ist er schlau genug, ihn einzustecken? Na, ich nehme mal vorsichtshalber einen mit. 

Um 6:35 Uhr bin ich am Bahnhof und finde sogar einen Parkplatz direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Kleine Glücksmomente des Alltags! Sohn steht schon bereit. Pünktlich ist er ja; das muss man ihm lassen. Ich übergebe ihm den Autoschlüssel und den Fahrzeugschein. Alles, was er sonst noch wissen sollte, habe ich auf einen Zettel geschrieben und an die Kühlschranktür gepappt. Und dann kommt sie, die Frage: „Hast du auch einen Hausschlüssel für mich?“ Haha, ich wusste es! Gut, dass Mutti mitdenkt.

Im Gegenzug verdonnere ich ihn dazu, mir meinen Koffer zum Bahnsteig zu schleppen. Er ist gar nicht soo voll, wiegt aber trotzdem eine gefühlte Tonne. Sohn witzelt: Wenn ich jetzt schon schlapp mache, wie will ich dann mit dem Ding bis nach Indien kommen? Er vergisst dabei, dass ich nur noch einmal aus dem Zug hinaus muss und raus geht immer besser als rein. Den Rest erledigen dann die Lufthansa und die Taxifahrer.

Der ICE ist gut gefüllt. Ich muss durch den halben Zug wandern, um ein Plätzchen für mich und mein Gepäck zu finden. Kaum sitze ich richtig, rollen wir auch schon in Hannover ein. Ich steuere den Aufzug an, der mich nach unten bringt ins Bahnhofsgebäude. Die Fahrstuhltür öffnet sich und Bollywood-Musik weht mir entgegen! Nanu?! Indische Töne in einem deutschen Fahrstuhl auf einem deutschen Bahnhof?

Nein, sie kommt nicht aus dem Fahrstuhl. Sie kommt aus meiner Handtasche. Mein Handy bimmelt. Sohn ruft mich an und braucht eine hochwichtige Information von mir. Welchem Hund gehört der rote und welchem der blaue Fressnapf? Und wer frisst in welcher Ecke der Küche? Ich muss mich mächtig beherrschen, um nicht zu lachen. Du lieber Himmel, den Hunden ist es mit Sicherheit egal. Hauptsache, es ist genug drin im Napf. Aber als Mutter muss man die Sorgen und Nöte seines Kindes ja ernst nehmen. Also kläre ich ihn auf. Shadow frisst aus dem roten Napf vor dem Kühlschrank und Balou aus dem blauen vor dem Geschirrspüler. Alles klar?

Alles klar! Sohn ist beruhigt und ich kann zur nächsten Etappe aufbrechen. Eigentlich sollte ich jetzt die S-Bahn Nr. 5 nach Langenhagen nehmen, aber hab ich wirklich Lust, nach der blöden Haltestelle zu suchen? Es ist kurz nach halb acht und ich hatte noch kein Frühstück. Mein Magen knurrt. Hier im Bahnhof an einem Stehimbiss ein Brötchen hinunterzuschlingen, ist allerdings nicht das Wahre. Am Flughafen könnte ich zuerst mein Koffermonster loswerden und mich dann gemütlich in eine Lounge setzen. Kurzentschlossen greife ich mir ein Taxi. Frau gönnt sich ja sonst nichts.

Der Taxifahrer betreibt die übliche Konversation und will wissen, wohin ich unterwegs bin. Wir unterhalten uns über Indien im Allgemeinen und die Megacity Mumbai im Besonderen; über die Umweltverschmutzung und die verrückten Verkehrsverhältnisse dort. Hm … Seine Nase weist eine eklatante Ähnlichkeit mit der eines bekannten Bollywood-Schauspielers auf. Also frage ich ihn frech, ob er zufällig Inder sei? Nein, er stamme aus Teheran und das sei ja auch nicht grade ein Dorf. Von daher wisse er ziemlich genau um die Probleme, mit denen die Metropolen dieser Welt zu kämpfen haben. Dann erzählt er mir noch, er habe mal gehört, indische Busfahrer hätten einen Toten im Jahr frei, weil es schlicht unmöglich sei, dort Bus zu fahren, ohne jemanden zu überfahren. Ob die Geschichte stimmt, will er allerdings nicht beschwören. Hm, wer weiß? Bharat men sab calta hai. In Indien ist alles möglich.

Langenhagen gehört zu den gemütlicheren Flughäfen; kurze Wege in alle Richtungen, besonders nach draußen zu den Aschenbechern. Ich habe am Vortag schon online eingecheckt, habe also meine Bordkarten bereits in der Tasche und muss nur noch meinen Koffer abliefern. Danach gönne mir im „Mövenpick“ zum „Flughafenpreis“ von 7,50 € ein schon leicht angetrocknetes Käsebrötchen und einen Latte. Noch eine letzte Zigarette und dann wird es auch schon Zeit, sich zum Security-Check zu begeben.

So langsam bekomme ich Routine mit der elenden Prozedur. Handtasche ablegen, Jacke ausziehen … ja, die Strickjacke auch, Hosentaschen leeren, Netbook auspacken und die Tüte mit den Flüssigkeiten und den iPod …, alles in die grauen Kisten stapeln und zum Schluss noch meinen kleinen Handkoffer auf das Band stemmen. Seit meinem ersten Trip im März habe ich dazugelernt. Handgepäck, das man tragen muss, neigt dazu, unterwegs immer schwerer zu werden, obwohl der Inhalt gleich bleibt, ein merkwürdiges Phänomen. Deshalb habe ich vor dieser Reise aufgerüstet und mir einen kleinen Rollkoffer mit Allradantrieb zugelegt. Das Ding ist Gold wert. Den kann ich so vollstopfen, wie ich möchte und dann locker-lässig hinter mir herziehen.

Die Dame am Rollband begutachtet meinen Krempel. Den iPod hätte ich in der Tasche lassen können, erklärt sie mir freundlich lächelnd. Nein, kann ich nicht. Wegen dem wäre ich damals beim Abflug aus Delhi beinahe verhaftet worden. Der iPod selbst ist nicht das Problem, sondern das Band, mit dem ich ihn mir um den Hals hängen kann. An diesem Band befindet sich ein metallener Schraubverschluss und der hat auf dem Scannerbild offenbar eine fatale Ähnlichkeit mit einer Gewehrpatrone. Deshalb sah ich mich in Delhi plötzlich von einer Horde schnauzbärtiger Männer in Uniform umringt und musste meine gesamte Handtasche ausleeren. Seitdem packe ich ihn vorsichtshalber immer gleich aus.

Ich laufe durch den Scanner und versuche, meinen Kram im Auge zu behalten. Irgendwie beschleicht mich immer ein ungutes Gefühl, wenn ich tatenlos zusehen muss, wie meine Habe außerhalb meiner Reichweite davonrollt. Wer weiß, ob nicht irgendwem mein Netbook besser gefällt als seins? Und meine Handtasche! Wenn mir die abhandenkommt, bin ich so gut wie tot. Aber alles geht glatt. Der Scanner bleibt stumm und ich kann auf der anderen Seite meine Sachen vollzählig wieder einsammeln. Uff, erledigt! Nun auf nach Frankfurt, wo ich meine Reisebegleitung treffen werde.

Mit dem Flieger ist es nur ein Katzensprung. Ich schaffe es kaum, meinen Kaffee auszutrinken, da befinden wir uns schon wieder im Landeanflug. Wir werden mit Bussen zum Terminal gefahren und dann stehe ich erst mal ratlos da wie der Ochs vor dem Tor.

Um sich am Frankfurter Flughafen zurechtzufinden, ist eine Pfadfinderausbildung nützlich. Leider war ich nie bei den Pfadfindern. Ich bin am Flugsteig A gelandet. Von dort führt nur ein Weg zum Terminal 1, aber dann geht der Ärger los. Nun muss ich zum Gate C16 und das Problem ist: Auf allen Schildern steht C und sie weisen in sämtliche Himmelsrichtungen. Ich picke mir aufs Geratewohl eine Route heraus und wandere frohen Mutes durch die Imbissbuden und Duty-free-Shops, bis ich nach fünf Minuten merke, dass ich in die Richtung laufe, aus der ich eben gekommen bin. Also zurück zur letzten großen Kreuzung und neu orientieren …

Ein junger Mann vom Servicepersonal sieht mich hilflos herumstehen und erbarmt sich meiner. Ob er mir helfen könne? Oh ja, bitte! Wo ist das verflixte Gate C16? Er lacht laut auf und macht eine wegwerfende Handbewegung: „C16? Hach! Na, das wird ein Abenteuer!“ Ähm … wie bitte? Noch bin ich in Deutschland. Hier brauche ich keine Abenteuer. Die will ich in Indien erleben.

Er weist mir die richtige Richtung und ich mache mich etwas beunruhigt wieder auf den Weg. Gedankenfetzen wehen durch mein Hirn; z. B. das Opening meiner Lieblingsfernsehserie aus Kindertagen, Raumschiff Enterprise: „Der Weltraum …, unendliche Weiten …“ Nun, um unendliche Weiten zu erleben, muss man nicht bis ins All reisen. Der Frankfurter Flughafen genügt völlig. Ein alter Werbespot fällt mir ein, in dem ein Mann mit einem Benzinkanister kilometerweit durch Wald und Wiesen läuft, weil er nur an einer ganz bestimmten Tankstelle tanken will. Dazu spielten sie damals diesen schönen alten Song „I’m walking“ von Fats Domino. In Gedanken trällere ich das Lied vor mich hin, während ich walke … düh, düh, düh … Mit Musik geht ja bekanntlich alles besser.

Mein auf Aschenbecher geschultes Auge ortet die Raucherbude auf 1:00 Uhr und ich bin erleichtert. Das ist genau das, was ich jetzt brauche, eine Rauchpause! Und die Luft dort drinnen scheint sogar akzeptabel zu sein, denn man kann die Leute, die da stehen, ziemlich klar erkennen. In deutschen Raucherbuden funktionieren die Absauganlagen im Allgemeinen. Indische Rauchzellen dagegen sind selbst für den hart gesottensten Nikotinjunkie eine echte Prüfung.

Ich quetsche mich in die Kabine und schiebe mich ganz nach hinten in die Ecke an einen knapp brusthohen Tresen. Die Aschenbecher sind in die Tischplatte eingelassen. Sie haben eine trichterförmige Öffnung, in der Asche und verbrauchte Kippen dezent verschwinden und aus denen es heftig qualmt. Mir gegenüber steht der Mann mit der Locke. Mutter Natur treibt manchmal schon seltsame Blüten. Er mag so Ende dreißig sein und der Haarausfall ist bei ihm in vollem Gange. Ganz vorn an seinem Stirnansatz allerdings wehrt sich ein Büschel schwarzer Haare mit zäher Entschlossenheit gegen den drohenden Verfall; wie einstmals ein kleines Dorf in Gallien gegen die römische Besatzung.

Er hat ein Problem, der Mann mit der Locke; nämlich eine leere Brötchentüte, die er zu einem dünnen Papierstängel zusammengedreht hat, und die er nun gern loswerden möchte. Er guckt sich suchend um, aber einen Mülleimer gibt es in der Raucherbude nicht. Dann überlegt er offenbar, ob er das Papier in den Aschenbecher versenken soll, verwirft den Gedanken aber wieder und sieht mich hilflos an. Auf dem Tisch steht ein leerer Kaffeebecher und ich deute ihm an, dass er das Papier doch einfach darin entsorgen kann. Er freut sich und nickt. Im Aschenbecher würde das Papier womöglich Feuer fangen, erklärt er mir auf Englisch, und dann fackelt am Ende noch die ganze Bude ab und das wollen wir doch nicht, oder? Nein, das wollen wir natürlich nicht. Der Mann denkt mit. Das gefällt mir. Wir wundern uns gemeinsam, warum es hier drinnen wohl keinen Mülleimer gibt, finden aber keine vernünftige Erklärung. Dann hat er seine Zigarette verbraucht, wünscht mir eine gute Reise und zieht von dannen.

Wenig später bin auch ich fertig mit meiner Kippe und setze meine Expedition zum Gate C16 fort; rechts herum, links herum, mit dem Fahrstuhl nach unten, mit der Shuttlebahn ein Stück über das Rollfeld rumpeln, mit dem Fahrstuhl wieder nach oben, rechts herum, links herum … I’m walking … düh, düh, düh …

Nach gefühlten zehn Kilometern Fußmarsch und einem weiteren Security-Check erreiche ich endlich Gate C16. Der Mann mit der Locke ist schon da. So ein Zufall! Er lacht fröhlich, als er mich wiedererkennt. Ah, flying to Mumbai as well? Ja, ich fliege auch nach Mumbai. Wir starten aber nicht von C16, sondern von C15, klärt er mich auf. Ach so?! Mich ergreift eine kurze Schockstarre.

Erinnerungen an London im März werden wach. Damals hatte mich der dusslige Typ am Check-in-Schalter zum Gate 23 anstatt nach 32 geschickt. Ich weiß mit 200-prozentiger Sicherheit, dass er „twenty-three“ gesagt hat. Bemerkt habe ich den Fehler, weil am Gate 23 nur Flüge nach Boston, New York und Chicago aufgelistet waren. Ich dagegen wollte in die entgegengesetzte Richtung, nach Berlin. Letztendlich musste ich dann mit Sondererlaubnis vom Bodenpersonal durch den Personaltunnel rennen, um meinen Flieger noch zu erwischen. Seitdem hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, mich nie mehr auf die Aussagen anderer Leute zu verlassen, sondern immer selbst die Anzeigetafeln zu studieren. So viel zu guten Vorsätzen.

Zum Glück ist C15 gleich nebenan. Du lieber Himmel, was ist denn hier los?! Die Boardingzone ist rappelvoll. Es gibt keinen einzigen freien Sitzplatz mehr und es wimmelt von Indern. Die wenigen „Bleichgesichter“ in der Menge kann man getrost an zwei Händen abzählen. Wahrscheinlich haben sie alle zu Diwali, dem indischen Lichterfest, ihre Verwandten besucht und wollen jetzt zurück in die Heimat.

Ich muss meine Reisebegleitung finden, erkläre ich dem Mann mit der Locke und lasse meinen Blick über die Reisenden schweifen. Ah, da vorn ist Trude. Sie hat offenbar einen der letzten Sitzplätze ergattert. „No problem“, sagt mein Zufallsbekannter. „See you later.“ Trude hat mich nun auch entdeckt. Wir haben uns bisher zweimal getroffen und kennen uns ansonsten vom Telefon, aber uns vereint die Leidenschaft für den großen Khan und deshalb machen wir uns nun gemeinsam auf den Weg, um des Meisters Geburtstag zu feiern.

Wenig später beginnt das Boarding. Es vollzieht sich nach dem Motto „Hauen und Stechen“ und ich bekomme eine leise Ahnung, wie es beim Untergang der Titanic zugegangen sein muss. Alles schubst und schiebt und drängelt, als ginge es um Leben und Tod. Leute, entspannt euch! Wer eine Eintrittskarte hat, der kommt auch mit. Oder denken die, der Flieger startet schneller, wenn sie sich beim Einsteigen beeilen?

Schließlich bin ich auch drin, finde meinen Platz und verstaue mein Gepäck. Da wir unabhängig voneinander eingecheckt haben – und ich darüber hinaus meinen Platz reserviert, denn ich sitze auf der Langstrecke gern am Gang – sitzt Trude einige Reihen weiter vorn und zieht davon. Ich lasse mich nieder und hoffe. Die Plätze auf der anderen Seite der Viererreihe sind von einem älteren indischen Ehepaar besetzt, das mich misstrauisch beäugt. Der E-Platz dazwischen ist noch leer. Wenn ich ganz viel Glück habe, dann bleibt er es auch und ich könnte später meine Beine ein bisschen weiter ausstrecken …

Ich hoffe vergebens. Kurze Zeit später taucht die Inhaberin der freien Sitzfläche auf und beansprucht ihr Recht. Na gut, hätte klappen können. Sie stellt sich als Sheila vor, spricht aber einwandfreies Deutsch mit alpinem Akzent. Ob ich auch zum ersten Mal nach Indien fliege? Nein, ich war schon mal da. Sie praktiziert zwar seit dreißig Jahren Yoga, erfahre ich, und ist überzeugte Anhängerin von Guru XY, aber in Indien war sie noch nie. Ihre Freundin, die drüben in der Businessclass sitzt, hat sie zu einer Hochzeit eingeladen; ein Riesending mit über zweitausend Gästen. Eigentlich hätte sie auch in der Businessclass fliegen sollen, aber es war kein Platz mehr frei. Deshalb ist sie nun in der Economy gelandet, aber es ist ihr egal. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und außerdem sind es ja nur acht Stunden. In mir sprießt der Neid wie Unkraut im Hochsommer.

Der Flieger hebt ab und nun beginnt der langweilige Teil der Reise. Ich habe Bücher dabei, könnte also endlich mal in Ruhe lesen, aber ich habe festgestellt, dass ich mich in zehntausend Meter Höhe schlechter konzentrieren kann als auf dem Boden. Liegt das am Luftdruck oder werde ich einfach nur alt? Filme gucken ist auch keine Option, denn der Monitor in der Rückenlehne des Vordersitzes hat exakt den falschen Abstand zu meinen Augen. Oder ich habe exakt die falschen Brillen. Mit keiner von den beiden kann ich vernünftig sehen und das ist mir auf die Dauer zu anstrengend. Zum Glück ist Sheila da und wir quasseln ausgiebig über Gott und die Welt. Zwischendurch sorgen die Flugbegleiter immer wieder für Beschäftigung, indem sie uns allerlei Ess- und Trinkbares vorsetzen.

Irgendwann verschwindet meine Sitznachbarin zu ihrer Freundin und taucht auch für längere Zeit nicht mehr auf. Ich stöpsele mir den iPod in die Ohren, strecke die Beine aus und beobachte die anderen Passagiere. Zwei Reihen vor mir auf der linken Seite sitzt der Mann mit der Locke auf dem Fensterplatz. Und er scheint zu schlafen! Zumindest hat er eine Schlafmaske auf den Augen und rührt sich nicht. Der Mann hat es gut! Wie macht er das bloß? Ich kriege kein Auge zu in dieser Blechdose.

Stunden später befinden wir uns endlich im indischen Luftraum und steuern auf Mumbai zu, entnehme ich der „Flight show“ auf meinem Monitor. Na endlich! Plötzlich überkommt mich ein spezielles Bedürfnis. Zwar war ich vor ein paar Stunden schon mal auf der Toilette, aber inzwischen hatte ich jede Menge Kaffee, Orangensaft und Wasser. Toilettengänge wollen allerdings gut geplant sein, stelle ich gleich darauf fest. Vor den beiden Kabinen steht eine Schlange und sie reißt auch nicht ab. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich auch anzustellen.

In der Schlange treffe ich den Mann mit der Locke wieder und frage ihn, ob er gut geschlafen hat. Er nickt: „It was quite okay.“ Ich erkundige mich, wie er das macht, und er verrät mir seinen Trick: Schlafmaske, Ohrstöpsel und ein bis zwei Gläser Weißwein. Ah, gut zu wissen! Vielleicht sollte ich das auf dem Rückflug mal ausprobieren.

Die Warteschlange bewegt sich kein bisschen vorwärts, also betreiben wir weiter Konversation. Er ist Architekt, erzählt er. Das klingt spannend. Ich will wissen, was er denn baut? Häuser, Brücken, Industrieanlagen? Nein, nicht so ein Architekt, grinst er. Er baut Computernetzwerke, lebt in Los Angeles und arbeitet für ein großes Unternehmen in Silicon Valley. Jetzt ist er auf dem Weg nach Bangalore, um seinen Vater zu besuchen. Ui, von L. A. nach Frankfurt und dann weiter nach Mumbai! Der Mann hat schon einen weiten Weg hinter sich. Aber, Moment mal! Wäre es andersherum über den Pazifik nicht kürzer gewesen? Kürzer schon, bestätigt er, aber so rum ist es billiger. Wie bitte? Ich kann es kaum glauben und er nutzt die Gelegenheit und klärt mich umfassend über die undurchschaubare Preispolitik der Airlines auf.

Wir verquatschen uns, stelle ich nach einer Weile fest, und verlieren dabei unser eigentliches Ziel aus den Augen, nämlich den Gang zur Toilette. Immer wieder drängeln sich Leute an uns vorbei und die Schlange wird nicht kürzer. Es knackt im Bordlautsprecher und der Kapitän meldet, dass wir uns im Landeanflug auf Mumbai befinden. Wir mögen also bitte unsere Plätze aufsuchen, uns anschnallen, die Geräte ausschalten usw. Upps!

Vor uns warten noch mindestens sechs Leute auf zwei freie Toiletten. Ich spekuliere: Mumbais Airport ist mindestens so weitläufig wie Frankfurt. Schaffe ich es bis in den Terminal und finde ich dort zeitnah ein Klo? Andererseits: Der Flieger ist voll und selbst wenn wir auf dem Parkplatz stehen, kann es immer noch eine halbe Stunde dauern, bis sich alle in Bewegung gesetzt haben. Und was ist, wenn die wieder die blöde Brücke nicht angedockt bekommen; so wie damals in London, weswegen ich dann meinen Anschluss nach Berlin verpasst habe?

Die Sache ist mir zu heikel. Das hier ist eine Boing 747. Hier muss es mehr als zwei Toiletten geben, oder nicht? Eine Stewardess mit einem Stapel Zeitungen im Arm versucht, sich durch den verstopften Gang zu zwängen. Ich begehe den Fehler und spreche sie an. „Ja, da vorn sind auch noch welche“, mault sie mich an und nickt mit dem Kopf hinter sich. „Die sind aber auch alle voll.“ Die Dame ist offensichtlich etwas genervt. Na gut, es sei ihr verziehen. Ihr Job ist sicher auch nicht einfach.

Ich beschließe, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, und hangele mich durch die Sitzreihen nach vorn. Der Vogel befindet sich schon im Sinkflug, merke ich, denn der Boden fühlt sich an, als würde ich bergab laufen. In meinen Ohren blubbert es bereits und überall leuchten die Fasten-Seatbelt-Zeichen. Gleich darauf finde ich die Toiletten; vier Stück an der Zahl und alle sind leer! Warum stehen die anderen nur da hinten herum? Egal, ich erledige in Rekordzeit, was ich zu erledigen habe, flitze zurück zu meinem Platz und fange an, mich zu freuen. Mumbai, ich komme!

Wir landen pünktlich um 1:10 Uhr und es ist alles wie immer: Sobald die Maschine den Boden berührt hat, springen alle hektisch auf und raffen ihre Sachen zusammen. Es erinnert mich jedes Mal an eine Zeile aus Schillers Glocke: „… alles rennet, rettet, flüchtet …“ Ich möchte auch gern hier raus, aber es ist aussichtslos. Der Gang ist verstopft und ich komme nicht an mein Gepäckfach. Also bleibe ich erst mal sitzen und passe auf, dass mir keine Koffer auf den Kopf fallen.

Im Terminal verteilt sich die Masse dann ziemlich schnell. Die Hallen und Gänge wirken regelrecht verwaist, was vermutlich an der frühen Stunde liegt. Trude ist nirgends zu sehen, aber das beunruhigt mich nicht. An der Gepäckausgabe oder spätestens am Ausgang werden wir uns wiederfinden. Zum Laufen bin ich jetzt zu faul. Deshalb lasse mich von den Rollbändern durch die fast menschenleeren Boardingzonen schieben und bewundere dabei die kunstvoll gestalteten Wände. Dabei fällt mir ein, dass ich den Terminal 1 aus dieser Richtung noch gar nicht gesehen habe. Damals im März kam ich aus Delhi hier an und bin daher am Terminal 2 gelandet.

Sie haben sich wirklich Mühe gegeben mit dem Design. Zahllose großformatige Bilder und Skulpturen zieren die Wände. Mein Blick fällt auf ein besonders buntes Objekt. Ui, was ist das? Ich nehme die Sache etwas näher in Augenschein. Das Ding ist tatsächlich aus den Kronkorken von unzähligen Bierflaschen gemacht! Ich muss grinsen. In der Heimat kenne ich einige Leute, die bei der Lieferung des Grundmaterials sicher gern geholfen hätten.

Schließlich erreiche ich die Ankunftshalle und es bietet sich mir ein für indische Verhältnisse ungewöhnliches Bild: Nur zwei oder drei der Schalter sind besetzt; ansonsten gähnende Leere. An der Wand fünf Meter Theke, an der dreißig Leute versuchen, ihre Immigration Cards auszufüllen, ohne sich gegenseitig mit ihren Kugelschreibern zu erstechen. In Ermangelung eines besseren Platzes suche ich mir einen Müllcontainer als Schreibunterlage. Der nette junge Mann am Schalter haut zügig seinen Stempel in meinen Pass und weiter geht’s zur Gepäckausgabe.

Trude ist schon da und beäugt misstrauisch das Band. Wir müssen ziemlich lange warten und sie nutzt die Gelegenheit, mir zum wiederholten Mal zu erzählen, dass ihr bei ihrer letzten Indienreise auf dem Rückflug der Koffer verloren gegangen ist. Deshalb ist sie jetzt in Unruhe, was sich aber als unbegründet erweist. Irgendwann hüpfen unsere Trolleys doch noch aus der Versenkung hervor und wir können uns endlich zum Ausgang begeben.

Puh, die warme feuchte Luft erschlägt mich fast. Es ist mitten in der Nacht und es herrschen trotzdem noch über 30°C; ein krasser Gegensatz zu den mickrigen 10°C in der Heimat. Aber es riecht vertraut und auch die Geräuschkulisse klingt geläufig. An der Absperrung warten in einer langen Reihe die Herren mit den Pappschildern. Ich fange grade an, die einzelnen Karten zu studieren, da ruft Trude schon nach mir. Sie hat unseren Fahrer bereits gefunden. Allerdings gibt es eine kleine Verwirrung. Mein Name auf seinem Schild stimmt, aber irgendwer im Taj Lands End hat Trude zu einem Mr. Mark gemacht und nun ist der Fahrer irritiert.

Wir klären das Missverständnis auf und schließlich ist er beruhigt, greift sich unsere Koffer und rennt im Laufschritt zum Parkhaus. Hey, Moment mal! Ich habe über acht Stunden in dieser fliegenden Röhre verbracht! Mein Nikotinpegel ist auf null und ich will jetzt eine Zigarette! Es gelingt mir mit Müh und Not, die beiden zu stoppen. Rauchen? Ja, sicher, nickt der Fahrer, aber dann müssen wir vor dem Parkhaus stehen bleiben, denn drinnen ist Rauchen selbstverständlich verboten. Selbstverständlich, no problem. Ich zünde mir meinen Glimmstängel an, aber die Ungeduld meiner Begleiter kann man fast mit den Händen greifen und da macht das Gepaffe einfach keinen Spaß. Also trete ich die Kippe nach ein paar Zügen wieder aus.

Mumbais Straßen sind um diese Zeit regelrecht leer und so erreichen wir das Hotel in der Rekordzeit von nur zwanzig Minuten. Des Meisters Eisentor grüßt uns im Vorbeifahren. Der Garten ist hell erleuchtet und einige Leute stehen herum, aber sonst tut sich nichts an der Villa. Dann fahren wir die Hoteleinfahrt hinauf und plötzlich habe ich ganz stark das Gefühl, nach Hause zu kommen. Der Doorman in seiner hellen Kurta und mit Turban auf dem Kopf öffnet mir die Wagentür und da überfällt es mich regelrecht. Alles fühlt sich so vertraut an, als wäre ich nur sieben Stunden anstatt sieben Monate fort gewesen. Das ist doch verrückt! Wie kann das sein? Warum liebe ich dieses Land so?

Nein, es kann nicht nur an seinem berühmten Einwohner liegen, der hier gleich nebenan wohnt. Ich war schließlich auch mal Fan von Elvis Presley und hatte trotzdem nicht das Bedürfnis, in die Staaten auszuwandern. Auch Pierre Brice geisterte früher durch meine Jungmädchenträume, aber zu Frankreich habe ich bis heute keinen Bezug. Es muss eine andere Erklärung geben. Mein Freund Alok in Jaipur, den ich am Montag besuchen werde, ist gläubiger Hindu und erklärt das Phänomen damit, dass ich in einem früheren Leben eine Rajkumari, eine Prinzessin eines Königshauses, gewesen sein muss. Reinkarnation? Hm … ich weiß nicht. Mein kopflastiges, europäisches Hirn tut sich damit ziemlich schwer.

Ich brauche eine Pause und steuere entschlossen meine Lieblingsecke neben der Rampe für die Rollstuhlfahrer an. Dort steht „mein“ Aschenbecher und den werde ich jetzt als erstes begrüßen. Sollen die Anderen machen, was sie wollen. Ich muss jetzt erst mal runterkommen und meinen Gedankensalat sortieren. Also zünde ich mir meine Welcome-home-Zigarette an und lasse die nächtliche Szenerie in Ruhe auf mich wirken, bis die Müdigkeit leise an die Tür meiner Hirnzentrale klopft und mich daran erinnert, dass ich mich langsam ins Bett begeben sollte, wenn ich den morgigen resp. den heutigen Tag nicht komplett verschlafen will.

Drinnen in der Lobby erwartet mich Vithi, die Empfangsdame. Trude ist nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich hat sie ihr Zimmer schon bezogen. Wir wohnen getrennt, obwohl sie aus Kostengründen gern ein gemeinsames Zimmer gehabt hätte, aber erstens bin ich aus dem Jugendherbergsalter heraus – ich brauche meinen Freiraum, besonders nachts – und zweitens habe ich dieses spezielle Laster und keine Lust, wegen jeder Fluppe erst nach draußen rennen zu müssen. Die Wege sind ganz schön weit im Taj.

Vithi begleitet mich nach oben. Sie ist eine wahre Augenweide. So, wie sie da steht, könnte sie sofort bei Heidis Modelshow antreten und würde vermutlich gewinnen. Wie kann man nur nachts um halb drei so frisch gebügelt aussehen und obendrein noch so unverschämt gut gelaunt sein? Sie trägt den roten, bunt gemusterten „Uniformsari“ des Hotelpersonals und er sitzt an ihr, als wäre sie darin geboren worden. Die messerscharfen Falten auf ihrer Schulter sehen aus wie mit dem Lineal gezogen und sie verrutschen beim Gehen um keinen Millimeter. Ich nutze die Gelegenheit und frage sie, wie sie das macht, so von Frau zu Frau. Sie lächelt verschmitzt. Es gibt einen Pin, der das Ganze zusammenhält, verrät sie mir und zeigt auf ihre Schulter. Ah, jetzt sehe ich auch das kleine Silberknöpfchen blitzen. Ich hab doch geahnt, dass ein Trick dabei sein muss! Wenn ich meinen Sari trage, rutscht mir das Zeug ständig auf den Arm.

Wir fahren hinauf in den 25. Stock. Hui, sie haben mich tatsächlich direkt unter das Dach verfrachtet. Gut, dass ich nicht an Höhenangst leide. Vithi notiert meine Kreditkartennummer, wünscht mir eine gute Nacht und lässt mich allein. Tja, ich würde ja jetzt ganz gern ins Bett gehen, aber mein Gepäck ist noch nicht da, in dem sich mein Schlafanzug und meine Zahnbürste befinden. Außerdem müsste ich schon wieder auf die Toilette, aber ich wette, wenn ich mich jetzt dort niederlasse, klingelt es sofort an der Tür. Also verkneife ich mir den Impuls und inspiziere stattdessen das Zimmer.

Es wirkt alles noch eine Spur edler als damals im 19. Stock. Der Kleiderschrank ist sehr schön groß. Das heißt, ich kann diesmal meine Klamotten richtig auspacken. Vom Bad aus kann man durch eine Glasscheibe ins Zimmer sehen. So etwas kenne ich schon aus Delhi. Es gibt aber auch eine Jalousie an der Scheibe, falls man sich doch nicht vom Zimmergenossen beim Waschen zusehen lassen möchte. Über der Badewanne hängt ein Fernseher und die Wand dahinter besteht komplett aus Spiegelglas. Ah, und an der Dusche gibt es auch eine Handbrause, wie erfreulich. Wo zum Teufel bleibt der Mann mit den Koffern?

Inzwischen kontaktiere ich Trude, um herauszufinden, welche Zimmernummer sie hat, und wir verabreden uns zum Frühstück. Endlich klingelt es. Der Boy rollt meine Koffer herein und stemmt sie für mich auf die Kofferablage. Nein, frau darf hier nichts selbst tun und, ehrlich gesagt, genieße ich es schamlos, dass es hier Männer gibt, die Dinge für mich erledigen. Da ich noch keine Rupien getauscht habe, drücke ich ihm fünf Euro in die Hand und er freut sich wie ein Schneekönig.

Gut, nun kann ich endlich in aller Seelenruhe die Toilette aufsuchen. Sie befindet sich in einem separaten Räumchen hinter dem Bad, durch eine elegante Milchglastür vom übrigen Badetempel getrennt. Frohen Mutes stoße ich die Tür auf … und pralle erschrocken zurück!

Ladies and Gentlemen, I proudly present: THE KLO!

Heiliger St. Technicus, was ist das?! Ein Ufo ist in meinem Bad notgelandet! So ein Hightech-Gerät habe ich ja noch nie gesehen! Ehrlich gesagt, das Ding macht mir Angst. Was bedeuten wohl die vielen Knöpfchen da an der Seite? Und warum leuchtet blaues Licht in der Schüssel? Das Ganze erinnert mich  an einen Horrorfilm, „Das Monster aus der Tiefsee“ oder irgendwas in der Art.

Okay, aber die Natur fordert ihr Recht. Also lasse ich mich vorsichtig nieder … und springe gleich wieder hoch. Die Klobrille ist warm, und zwar richtig warm; hart an der Grenze zu „heiß“. Leute, was soll denn der Blödsinn? Wir sind hier in Indien. Hier ist es überall warm. Es gibt also absolut keinen Grund, die Klobrille zu heizen.

Darüber hinaus fängt das Ufo jetzt auch noch hektisch an zu brummen. Was will es mir denn damit sagen? Fühlt es sich nicht wohl? War ich ihm zu schwer? Oder ist das eine Art Countdown? Wenn ich die vorprogrammierte Pinkelzeit überschreite, wird automatisch der Schleudersitz ausgelöst und es schubst mich von sich herunter?

Ich studiere die Instrumententafel an der Seite und finde eine Taste mit der Bezeichnung „Off“. Das klingt sehr gut. Das Brummen hört auf und ich wage einen neuen Versuch. Na gut, bis die Brille abkühlt, dauert es vermutlich ein Weilchen. Inzwischen versuche ich, die Symbole auf der Steuerung zu entschlüsseln. Ah, dieses Ding ist also gleichzeitig ein Bidet und ich kann mir aussuchen, ob ich meinen Hintern von vorn oder von hinten und mehr oder weniger gespült haben möchte.

Ich hasse es, wenn Haushaltsgeräte schlauer sein wollen als ich. Mein Bügeleisen soll meine Wäsche glätten und dazu braucht es kein Update aus dem Internet. Es genügt auch völlig, wenn meine Kaffeemaschine Kaffee kocht. Sie muss sich dabei nicht mit dem Toaster von gegenüber vernetzen, damit die beiden ihre Produktionsabläufe synchronisieren können. Auch dieses Superdings hier möchte ich nicht ausprobieren. Wenn ich in meiner Ahnungslosigkeit irgendwas falsch einstelle, ist am Ende womöglich nicht nur mein Hintern nass. Nein, danke. Als Krönung fehlt jetzt eigentlich nur noch ein eingebauter Föhn, der meine edelsten Teile zum Schluss wieder trocken pustet. Aber soweit sind sie dann offenbar doch noch nicht, denn an der Wand hängt eine ordinäre Klorolle.

Ich beschließe mein kleines Geschäft mit einem Stück Klopapier von der besagten Rolle und betätige die Spülung. Die immerhin wird noch von einem simplen, für jedermann verständlichen Hebel ausgelöst. Das Klopapier schwimmt eine Ehrenrunde um die Schüssel, damit ich ihm in Ruhe hinterherwinken kann, und wird schließlich mit einem kräftigen Happs vom Abfluss abgesaugt wie bei einer Flugzeugtoilette. Wenigstens heult keine Sirene und verkündet den erfolgreichen Abschluss der Geschichte.

Mir reicht’s. Ich will nur noch ins Bett. Alles andere hat Zeit bis morgen. Also rein in den Schlafanzug, Zähne putzen, ab unter die Decke, Licht aus und schlafen … Ähm … Moment … Licht aus?

Es wimmelt von Lampen in diesem Zimmer, unter der Decke, auf den Nachttischen, in der Sitzecke, im Bad und sogar der Kleiderschrank ist innen beleuchtet wie ein Fußballfeld. Es wird also noch nichts mit dem Schlafen, ahne ich und stehe wieder auf, um die Lichtanlage zu erforschen.

Um möglichst effektiv zu arbeiten, gehe ich die Sache mit System an und beginne vorn an der Tür. Es wimmelt auch von Schaltern, stelle ich fest, und sie sind alle sorgfältig beschriftet. Neben der Tür gibt es drei Stück: „Privacy“ ersetzt das früher übliche Do-Not-Disturb-Schild und bedeutet, dass ich gefälligst meine Ruhe haben will. „Make my room“ will heißen, dass die Putzkolonne jetzt meinen Saustall aufräumen darf. Dazwischen klebt „Master“. Hm … klingt, als ob das der für alles zuständige Generalschalter wäre, The Master of the Light sozusagen. Ich drücke und nichts passiert. Na gut, gehen wir erst mal weiter.

Der Kleiderschrank leuchtet vor sich hin, aber ein Schalter ist nicht zu finden. Auf der Kommode neben der Kofferablage steht eine Lampe und dahinter finde ich zwei neue Schalter: „Hall“ und „Dresser“. Ah! „Hall“ wie Halle und damit meinen die bestimmt das kleine Stück Flur hinter der Tür. Ich drücke und im Flur geht das Licht aus. Bingo, ein Punkt für mich! Steht „Dresser“ vielleicht für den Kleiderschrank? Ich drücke wieder. Über mir wird es dunkel, aber der Schrank leuchtet weiter. Hm, nur ein halber Punkt für mich.

Ich wandere weiter zum Schreibtisch. An der Wand klebt ein Schalter mit der Bezeichnung „Desk“. Das ist einfach, hilft mir aber nicht weiter, weil die Schreibtischlampe gar nicht brennt. Ich wechsle hinüber zum Bett und jetzt wird es richtig kompliziert. Über dem Nachttisch befindet sich eine bunte Sammlung von Knöpfen für alle möglichen Lebenslagen. „Hall“ lese ich wieder und das macht ja auch irgendwie Sinn. Ich drücke und das Licht im Flur geht wieder an. Fein. Ich drücke noch mal und es geht wieder aus. Das wäre geklärt. Ich erinnere mich, dass ich dieses Schalterspielchen gern gespielt habe, als ich klein war. Inzwischen sind aber fünfzig Jahre vergangen und heute reizt es mich überhaupt nicht mehr, höchstens noch zu einem Wutanfall. Ich will ins Bett, verdammt noch mal!

Okay, ganz ruhig! Was haben wir denn noch im Angebot? „Read“ und „Night“. „Read“ bedeutet lesen. Steht das vielleicht für die Nachttischlampe? Nein, tut es nicht. Von der Decke her leuchten mir zwei Halogenstrahler so grell ins Gesicht, dass ich bei dieser Beleuchtung eine Operation durchführen könnte. Die Nachttischlampe übrigens, stelle ich bei der Gelegenheit fest, hat einen ordinären Kippschalter an ihrem Kabel. So was Uncooles! Ich schalte sie vorsichtshalber ein, falls ich den ominösen Alles-aus-Schalter doch noch finde. Dann muss ich mich nicht im Dunklen zurück ins Bett tasten. Vier weitere Schalter tragen die Bezeichnungen „1“, „2“, „3“ und „Off“. Schalter „1“ aktiviert die Stehlampe in der Sitzecke. Bei den übrigen tut sich nichts und bei „Off“ ist gar nichts off. Zum Teufel noch mal, ich will nicht mehr Licht, sondern weniger.

Wie sieht es auf der anderen Seite des Bettes aus? Dasselbe in Grün, bringt mich also auch nicht weiter. Kümmern wir uns erst mal um die Badbeleuchtung. Die Schalter befinden sich neben der gewaltigen Schiebetür, die das Bad vom übrigen Zimmer trennt, und die in etwa das Format eines Garagentors hat. Klein und schwach darf man nicht sein, wenn man das Ding bewegen will. Auf dem mittleren Schalter steht „Bath“ und dazu gibt es noch einen Pfeil nach oben und einen nach unten. Ich drücke probeweise auf „Bath“ und … richtig! Nichts passiert. Hm … Pfeil nach oben gleich „an“? Pfeil nach unten gleich „aus“? Ich teste und tatsächlich: Im Bad schwindet das Licht. Im Klo brennt es allerdings immer noch. So langsam habe ich keine Lust mehr …

Aber was hilft‘s? Ich entere also die „Ufo-Garage“, suche nach einem Schalter und finde keinen. Nun, das überrascht mich inzwischen nicht mehr. Hilfe!!! Fast bin ich in Versuchung, zum Telefon zu greifen und den Zimmerservice zu rufen, aber zwei Dinge halten mich davon ab. Erstens bin ich nur mangelhaft bekleidet und zweitens werde ich doch wohl dieses läppische Problem allein lösen können. Die lachen sich doch schlapp über meine Unfähigkeit und das lässt mein Ehrgeiz nicht zu. Tja, die Frage ist nur, wie?

Frustriert und ratlos wandere ich zurück zur Eingangstür, presse meinen Finger wütend auf den „Master“-Knopf und … stehe im Dunklen! Tatsächlich, sämtliche Lampen sind aus, sogar das Licht im Klo und meine Nachttischlampe. Ah, man muss nur lange genug drücken. Das muss einem Trottel doch mal gesagt werden.

Aber wie finde ich jetzt in mein Bett? Um mich herum herrscht stockfinstere Nacht. Mumbais nächtliches Lichtermeer ist auch keine Hilfe. Dazu wohne ich zu weit oben und außerdem sind die Vorhänge zu. Ich schalte das Licht wieder ein und überlege. Mein Blick fällt auf den Fernseher und plötzlich streift mich eine Idee. Wie pflegte mein Vater immer zu sagen? „Man kann so blöd sein, wie man will. Man muss sich nur zu helfen wissen.“ Stimmt. Entschlossen greife ich zur Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Ha, das wenigstens funktioniert auf Anhieb! Dann lösche ich die Lichter mit dem „Master“-Knopf und krieche mit der Fernbedienung in der Hand ins Bett. Nun den Fernseher wieder ausschalten und dann ist endlich Ruhe …

Von wegen! Durch die Glasscheibe des Badezimmers leuchtet es blau. Ich werde noch verrückt hier! Habe ich etwa den Klodeckel nicht zugemacht? Muss ich jetzt wirklich noch mal aufstehen? Eigentlich hab ich dazu nicht die geringste Lust. Ich versuche, das Problem zu ignorieren, indem ich mich auf die andere Seite drehe, aber … Nein, es stört mich. Ich bin es gewohnt, auf „links“ einzuschlafen, und dann scheint mir das Blaulicht direkt in die Augen. Reichlich frustriert schalte ich die Nachttischlampe wieder ein, krabbele aus dem Bett und gehe der Sache auf den Grund. Der Klodeckel ist zu! Okay, dann lasse ich jetzt die Jalousie herunter und wenn das auch nicht hilft, baue ich mir einen Sichtschutz aus den überzähligen Kopfkissen.

Gesagt, getan, zurück ins Bett und Licht aus! Ah, endlich herrscht wohltuende Dunkelheit. Nur der Rauchmelder an der Decke blinkt im Sekundentakt, aber dagegen kann ich nun wirklich nichts tun. Zufrieden wühle ich mich in die Kissen und werfe noch einen letzten Blick auf mein Handy, das auf dem Nachttisch an der Steckdose hängt: Es ist 3:30 Uhr. Good morning, Mumbai! See you later!

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