Montag, 17. März 2014 – Über Verwirrung beim Frühstück, ausgefallenes Holi und Vergesslichkeit

Mitten in der Nacht reißt mich ein Geräusch aus meinen süßen Träumen; ein Sägegeräusch, das mir nur allzu vertraut ist und weswegen ich vor einigen Jahren aus dem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen bin. Es schnarcht! Und zwar direkt hinter meinem Rücken. Zu Tode erschrocken liege ich da, lausche in die Finsternis und überlege:

Nein, ich habe gestern keinen Alkohol getrunken. Ich weiß ganz genau, wie ich ins Bett gekommen bin, und ich bin hundertprozentig sicher, dass ich allein war. Was zum Teufel …? Todesmutig schalte ich die Nachttischlampe an und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Wie erwartet ist außer mir und meinem Schatten niemand im Zimmer. Dann fällt mein Blick auf die Verbindungstür zum Nachbarzimmer. Ah, nun ist die Sache klar! Ich atme erleichtert auf. Du lieber Himmel! Falls er/sie da drüben einen Bettgenossen hat, ist der/die aber auch nicht zu beneiden. Immerhin ist das Rätsel gelöst. Zufrieden drehe ich mich auf die Seite, ignoriere die Säge und schlafe wieder ein. 

Mein Handy meldet sich pünktlich um sechs mit einem nervtötenden Piepton. Im Stillen verfluche ich das blöde Ding, aber ich hab es ja so gewollt. Nun gut, sieben Uhr hätte vielleicht auch gereicht, aber ich hasse es, morgens hetzen zu müssen. Meine Software ist schon etwas älter. Bis meine Programme gebootet sind und ich meine Betriebstemperatur erreicht habe, können noch ein bis zwei Stündchen vergehen. Nach einer halben Stunde rekeln, in der ich den Staub, der sich über Nacht immer ansammelt, aus meinem Hirnkasten fege, raffe ich mich schließlich auf und begebe mich ins Bad.

Die Dusche an der Decke grinst mich höhnisch an und im nächsten Moment erfahre ich auch, was sie im Schilde führt. Ahnungslos betätige ich den Hahn und ein Schwall eiskaltes Wasser prasselt wie Nadelspitzen auf meinen noch nachtwarmen Körper. Brrr! Entsetzt drücke ich den Hahn wieder zu und hüpfe bibbernd in die Ecke. Nanu? Der Hebel steht doch in der Mitte. Also sollte es doch einigermaßen warm von oben plätschern, oder nicht? Entschlossen wage ich mich wieder nach vorn und ziehe den Hebel nur ganz wenig auf. Ah, jetzt prasselt es nicht mehr, sondern plätschert sanft, aber es bleibt definitiv kalt.

In Gedanken formuliere ich bereits eine saftige Beschwerde. Fünf Sterne und es gibt kein Bitter Lemon und noch nicht mal warmes Wasser? Dieser Mr. Chatterjee kann was erleben! Wenn ich den erwische! Zieh dich schon mal warm an, Junge!

Oder bin ich am Ende nur zu blöd, eine Dusche zu bedienen? Wieder pirsche ich mich nach vorn, schiebe den Hahn mit einem kleinen Ruck nach links und wieder springe ich zurück in meine Ecke, denn nun wird das Wasser heiß, richtig heiß, viel zu heiß! Hastig ziehe ich den Hahn wieder in seine Ausgangsposition. Nee, dann dusche ich doch lieber kalt. Lieber Frostbeulen statt Brandblasen.

Moment mal, das Wasser wird wärmer, merke ich, während ich in meiner Ecke vor mich hin sinniere. Haben die hier etwa Durchlauferhitzer? Das würde die Sache erklären. Ich warte gespannt und tatsächlich: Nach ein paar Minuten nimmt das Wasser endlich eine erträgliche Temperatur an. Gut, also doch keine Frostbeulen und Mr. Chatterjee hat noch mal Glück gehabt. Einigermaßen versöhnt mit den Umständen erledige ich meine Reinigung in Rekordzeit, denn irgendwie habe ich jetzt genug Zeit vertrödelt.

In mein Handtuch gewickelt und mit den dünnen Hotelschlappen an den Füßen trete ich wenig später ans Waschbecken und fülle das Zahnputzglas mit dem edlen Wasser aus dem Himalaya, das einem hier in einer täglichen Zwei-Liter-Ration aufs Zimmer gestellt wird, gratis wohlgemerkt. Mit kaltem Wasser die Zähne zu putzen, ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber sicher ist sicher. Irgendwo habe ich gelesen, man sollte nicht einmal in den großen Hotels das Leitungswasser dafür benutzen, und ich möchte die wenigen Tage, die mir zur Verfügung stehen, schließlich nicht auf dem Klo hockend verbringen.

Während ich meine Zähne schrubbe, fällt mein Blick auf ein kleines Pappschildchen neben der Seifenschale. „Wasser ist ein kostbares Gut“, sagt es mir. „Hilf mit und schone die Umwelt!“ Aber ja! Damit bin ich sofort einverstanden!

(Achtung, Ironie:) Das müsst ihr uns mitteleuropäischen Waldschützern und Walrettern doch nicht sagen! Schließlich ruinieren wir uns schon seit geraumer Zeit die Leber zum Wohle des Regenwaldes. Aber vielleicht sind ja mit diesem Aufruf auch in erster Linie die verschwenderischen Amerikaner gemeint, diese Umweltferkel mit ihrem Fastfood und ihrem billigen Sprit und der größten Stromverschwendungsanlage der Welt, genannt Las Vegas (Ironie Ende).

Weiter unten wird dem geneigten Gast dann exakt beschrieben, wie er mit dem kostbaren Gut umgehen soll. Also lest und lernt:

  1. Hände nass machen
  2. Wasserhahn schließen
  3. Hände einseifen
  4. Hände abspülen
  5. Wasser abstellen und Hände abtrocknen

(Das ist kein Witz, ich schwör’! Bei meinen späteren Besuchen hatten sie diese Schildchen allerdings wieder abgeschafft.)

Ich nicke zustimmend und nehme mir den Appell ernstlich zu Herzen, während ich gleichzeitig grob kalkuliere, wie viele Liter des kostbaren Gutes ich wohl soeben bei meinem Duschversuch ungenutzt durch den Abfluss habe rauschen lassen müssen. Ähm … ja … Lassen wir das lieber. Mein Magen meldet Hunger und ich habe heute noch Einiges vor.

Für das heutige Holifest habe ich mir ein ganz spezielles Outfit überlegt. Allerdings kann ich mich in dem vergammelten Look unmöglich beim Frühstück sehen lassen. Also schlüpfe ich zunächst mal in T-Shirt und Flatterrock und werde mich später wieder umziehen. Nanu? Hier hängt keine Zeitung an der Tür? Auch gut, dann nehme ich eben die Sonntagsbeilage der Hindustan Times mit, die ich gestern nicht mehr geschafft habe. Ich brauche etwas zu lesen beim Frühstück, denn sonst kann ich mangels Gesellschaft nur gelangweilt in die Luft starren.

Die „Vista Lounge“ ist riesig und unübersichtlich, voller Säulen, Winkel, Ecken und Nischen. Ich bin heilfroh, dass eine nette junge Dame sich meiner annimmt und mich durch das Labyrinth geleitet. Ob ich den Tisch am Fenster möchte? Dort könne ich die Aussicht genießen. Oh ja, die Aussicht ist tatsächlich nicht schlecht. Und wenn die blöden Hochhäuser nicht im Weg stehen würden und ich ein Fernglas dabei hätte, könnte ich vielleicht direkt bei Familie Khan in die Küche gucken und sehen, was es dort zum Frühstück gibt.

Ich bestelle Latte macchiato, denn seit meinem ersten Zusammenstoß mit indischem Kaffee in Delhi bin ich gewarnt. Hier habe ich mir angewöhnt, Milch und Zucker zu nehmen, was mir zu Hause niemals einfallen würde, aber das Gebräu haut selbst den hartgesottensten Kaffeejunkie aus den Socken.

Dann mache ich mich auf, das Buffet zu erkunden, und staune schon wieder. In der Mitte des Raumes befindet sich ein kreisrunder Tresen, in den elektrische Warmhalteplatten eingebaut sind. Eine geniale Idee, denn so bleibt das Essen wirklich heiß und nicht nur lauwarm. Auf den Platten stehen schwere, gusseiserne Töpfe von der Größe eines 08/15-Gartengrills aus dem Baumarkt. Dahinter klären kleine Schildchen den Gast darüber auf, was der jeweilige Topf enthält: schwarze Bohnensuppe, Linsensuppe, Tomatensuppe, Hähnchencurry, Lamm-Biryani, gegrilltes Gemüse, Countrykartoffeln und natürlich Rührei mit Schinken, Rührei mit Würstchen, Spiegeleier, Pfannkuchen … puh!

Ich weiß ja, dass in anderen Teilen der Welt gern deftig und vor allem warm gefrühstückt wird, aber ich als Mitteleuropäer sehne mich nach einem knackigen Brötchen mit einem Klecks Butter, einer Scheibe Käse und vielleicht etwas Marmelade. Hm, meine Chancen stehen schlecht, wie es aussieht. Ratlos umkreise ich den Tresen und stoße auf eine Wurstplatte, belegt mit etwas, das aussieht wie Mortadella, Bierschinken und eine Art Wurstpastete. „Schinken“ steht dran und darunter in Klammern jeweils „Schwein“ oder „Huhn“. Ah, ich verstehe. Die Muslime unter den Gästen sollen nicht aus Versehen zum falschen Fleisch greifen. Als „Schinken“ würde ich allerdings nur die dünnen Streifen Parmaschinken auf der Platte einsortieren. Er scheint sogar echt zu sein, denn es steckt ein italienisches Papierfähnchen daneben.

Okay, Wurst und Schinken zum Frühstück sind nicht so mein Ding. Was haben wir denn noch? Mit dem immer noch leeren Teller in der Hand wandere ich weiter und finde die Käseplatte. Die insgesamt vier Sorten Käse sind in dreieckige, etwa zwei mal drei Zentimeter kleine Scheibchen geschnippelt. Es handelt sich um holländischen Gouda, erfahre ich aus den beigefügten Schildern, Schweizer Emmentaler sowie englischen und irischen Cheddar. Aus dem „holländischen Gouda“ ragt ein deutsches Fähnchen. Na gut, das kann passieren. Ist ja gleich nebenan von uns, das Holland, und ich könnte die Fahnen von Nepal und Bhutan auch nicht auseinander halten. Der Rest ist jedenfalls korrekt ausgeflaggt.

Ziemlich frustriert starre ich auf die Käseplatte. Liebe Leute, wie viele von diesen dreieckigen Häppchen soll der hungrige Germane auf seinen Teller stapeln, um damit ein durchschnittliches Brot zu bestücken? Und warum zum Teufel schneidet ihr den Käse in Dreiecke, wo ein normales Brot doch im Regelfall viereckig, oval oder rund ist? Ach so, ihr meint, aus dem Käse soll ich ein Puzzle zusammensetzen, damit ich mich beim Essen nicht langweile?

Apropos Brot: Bis jetzt habe ich noch keins gefunden und vielleicht sollte ich diese Aufgabe zuerst lösen. Also wandere ich weiter und treffe an der nächsten Säule endlich auf Backwerk, auf Toast, um genau zu sein, einen riesigen Berg Toast, ziemlich dünn, ziemlich verbrannt und knochentrocken. Klar, es wimmelt hier von Briten und Amerikanern und die stehen ja auf dieses Zeug, ich eher nicht. Hilfe! Ich habe Hunger! Zum Glück besitze ich einen trägen Stoffwechsel und kann zur Not auch mal zehn Stunden ohne Essen auskommen, wenn es denn sein muss. Muss das sein?

Okay, wie lange will ich noch sinnlos hier herumstehen? Die Zeit läuft. Widerwillig nehme ich eine Scheibe verbranntes Weißbrot von dem Berg und trotte zurück zum Käse. Unterwegs komme ich an den Rühreiern vorbei. Also gut, ein Löffelchen Rührei mit Schinken, dazu ein Kartoffelplätzchen und eine gegrillte Tomate, das füllt immerhin den Magen. Beim Käse angekommen ergänze ich das Ganze mit jeweils vier Dreieckchen Gouda und Emmentaler, und damit sind die Platten auch schon halb leer. Ich sehe mich verstohlen um, ob mich jemand beobachten und als „Vielfraß“ einstufen könnte. Gibt es auch Butter zu dem Toast und wenn ja, wo?

Ein Mann mit asiatischen Gesichtszügen und rot kariertem Hemd rempelt mich von hinten an und entschuldigt sich überschwänglich in fast unverständlichem Englisch. Ich drehe mich um, verzeihe ihm großzügig und entdecke durch diesen Zufall an der Säule hinter mir die Backecke. Ah, hier haben sie also die Getreideprodukte versteckt! Allerdings fällt meiner Ansicht nach das meiste davon in die Kategorie „Kuchen“. Zur Auswahl stehen Donuts mit Schokoguss, Donuts mit rosa Guss, Donuts ohne Guss, dunkle Muffins, helle Muffins, Brownies, Kekse und ein Gebäck, dass man in Deutschland als „Buchteln“ oder „Rohrnudeln“ kennt. Ganz unten finde ich etwas, dass nach Vollkornbrot aussieht, und daneben etwas Weißes mit irgendwelchen braunen Fusseln darin. Es ist kaum größer als mein Handteller, genauso dünn wie der Toast und weich und schwabbelig. Soll das am Ende Zwiebelbrot sein?

Und jetzt kann ich mich einer gewissen Überheblichkeit nicht mehr erwehren, sorry. Liebe Inder, das mit dem Brotbacken solltet ihr lassen. Es gehört eindeutig nicht zu euren Kernkompetenzen. Ihr könnt Tee und Curry und Lassi. Ihr programmiert unsere Computer, näht unsere Klamotten, knüpft unsere Teppiche und dreht diese wundervoll bunten, schmalzigen Filme. Dafür liebe ich euch. In Sachen Brot aber sind wir Deutschen die Weltmeister. Für irgendwas müssen wir ja auch noch gut sein.

Jetzt habe ich keine Lust mehr. Bevor mein Rührei völlig kalt wird, gebe ich die Nahrungssuche auf und kehre zurück an meinen Tisch. Die Butter steht schon an meinem Platz, stelle ich fest. Warum ich sie vorhin nicht bemerkt habe, wird nun auch klar. Das Teelöffelchen Streichfett klebt in einem winzigen Schälchen mit dem Durchmesser eines Eierbechers und ist mit einem Blättchen Pergamentpapier bedeckt; vermutlich, damit sich keine Fliegen darauf niederlassen. Sehr lobenswert, aber jetzt mal ernsthaft: Dieser Klecks reicht nicht mal für die Hälfte meiner Toastscheibe! Zum Glück steht an jedem Platz so ein Schälchen. Kurz entschlossen klaue ich eine zweite Ration vom Gedeck gegenüber und damit gelingt es mir dann, meinen Toast einigermaßen herzurichten.

Nun kann es endlich losgehen mit dem Frühstück. Halt! Etwas Wesentliches fehlt noch, nämlich mein Orangensaft. Ein Schuss Vitamine morgens muss einfach sein. Soeben erscheint der Kellner mit meinem Kaffeepott. Ich bestelle den Saft und er zieht für den Bruchteil einer Sekunde irritiert die schwarzen, buschigen Augenbrauen hoch. Noch ahne ich nicht, dass er mich in Gedanken als aufgeblasene Schnepfe einstuft, die sich einen Spaß daraus macht, das Personal hin und her zu scheuchen. Aber schließlich wird er dafür bezahlt, gescheucht zu werden, also trottet er brav wieder los und wenig später steht mein Saft auf dem Tisch.

Ich steche die Gabel in mein Rührei und schlage die Zeitung auf. In dem Blättchen dreht sich alles um den kommenden Sommerurlaub und um Vorschläge, wo der Inder, der die dafür erforderlichen Rupien in der Tasche hat, ihn verbringen könnte; zum Beispiel in Armenien mit seinen beeindruckenden Landschaften und seiner reichen Geschichte. Oder auf Mauritius; sauber, touristenfreundlich und fremdartig genug, um exotisch zu wirken. Auch ein Wochenende in Dubai oder Melbourne hat seinen Reiz. Yes!

Zwischen all den Reiseberichten stoße ich plötzlich auf eine Seite, die mich so sehr überrascht, dass mir fast die Grilltomate im Hals stecken bleibt. Donnerwetter, es gibt tatsächlich einen indischen „Dr. Sommer“! Die Rubrik heißt „I can help“ und dort werden so sensible Fragen beantwortet wie:

  • Hilft die Pille danach auch am Tag des Eisprungs?
  • Macht die Pille auf Dauer unfruchtbar?
  • Kann ich auch jenseits von dreißig noch problemlos schwanger werden?
  • Uns ist das Kondom geplatzt. Heißt das, dass ich jetzt schwanger bin?

Sieh an, es tut sich etwas in der prüden, indischen Gesellschaft. Langsam scheinen die verkrusteten Denkstrukturen aufzuweichen. Gut so! Zufrieden greife ich zu meinem Toast. Er schmeckt nicht wirklich, aber was soll’s. „Was auf dem Teller liegt, wird aufgegessen“, mahnt die Stimme meiner Mutter in meinem Hinterkopf.

Um mich abzulenken blättere ich weiter. Schauspielerin Kalki Koechlin hat bei einem Event anlässlich des Internationalen Frauentages eine Rede gehalten, erfahre ich. Aha? Wer ist Kalki Koechlin? Kenne ich die? Habe ich die schon mal in einem Film gesehen? Ein Gesicht fällt mir zu dem Namen nicht ein und überhaupt: Was ist das für ein komischer Name? Wie spricht man den aus? Zum SRK-Lager gehört sie vermutlich nicht, denn sonst könnte ich mich wenigstens dunkel erinnern. Mal sehen, was schreibt sie denn, die Kalki? Ich überfliege die ersten Zeilen und was ich da lese, beeindruckt mich sofort. Hey, die Frau hat ja wirklich was zu sagen …

„Sorry, Madam?“ Ich schaue auf und traue meinen Augen nicht. Vor meinem Tisch steht eine hübsche junge Dame in Serviererinnentracht. Sie hat eine Gebäckzange in der Hand und trägt ein Tablett wie einen Bauchladen vor sich her. Auf diesem Tablett liegen Brötchen! Jawohl, echte Brötchen! Brötchen mit Körnern obendrauf, Laugenbrötchen und vor allem Croissants! Leckere goldgelbe Croissants! Sogar Schokocroissants hat sie im Angebot und welche mit Käse. Meine Augen schlagen Purzelbäume und das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Ob ich etwas davon mögen würde, fragt sie mich.

Etwas?! Alles!!! Verdammt, wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben, während ich hier an meinem trockenen Toast mümmele?! Und warum läufst du überhaupt mit den ganzen guten Sachen sinnlos durch die Gegend? Warum stellt ihr sie nicht einfach neben den Toast auf den Tresen, wo ich sie vor einer halben Stunde schon hätte finden können? Ja, ich will ein Croissant! Nein, ich will zwei Croissants, und es ist mir egal, ob sie mich für einen Fresssack hält. Meine Hamsterseele übernimmt das Kommando.

Zu blöd, dass ich jetzt schon die ganze Butter verbraucht habe und da ich an einem Zweiertisch sitze, gibt es kein weiteres Gedeck mehr, von dem ich klauen könnte. Egal, so ein Croissant ist ja an sich schon fettig genug. In der Mitte des Tisches liegt ein Holzbrettchen und darauf stehen niedliche kleine Gläschen mit Schraubverschluss. Die Etiketten klären mich darüber auf, dass es sich bei deren Inhalt um Erdbeermarmelade, Orangenmarmelade und Honig handelt. Ich bestreiche Croissant Nr. 1 mit Erdbeer und Nr. 2 mit Orange. Mmh, ist das lecker! Morgen früh bin ich schlauer. Morgen früh werde ich nicht erst lange um den Tresen kreiseln, sondern gleich nach dem Mädel mit dem Bauchladen Ausschau halten. Und ich werde Butter bunkern …

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei Kalki und dem Internationalen Frauentag. Während ich genüsslich Croissant Nr. 1 verspeise, beginne ich noch mal von vorn:

„Erinnert Ihr Euch an den Anfang?
Am Anfang schuf Gott den Mann.
Gott schuf den Mann nach seinem eigenen Bild.
Und das war’s dann. Mankind, humanity, woman.
Mann, Mann, Mann.
Welche Chance zur Hölle hatten wir jemals?
Wir wurden ausgegrenzt schon beim Big Bang …“

Sie ist lang, diese Rede, sehr lang, aber die Emanzipation der Frau ist ja auch ein weites Feld; nicht nur in Indien. Als ich Croissant Nr. 2 in Angriff nehme, hab ich gerade mal die Hälfte des Artikels geschafft. Ich amüsiere mich köstlich über die beißende Ironie und die teilweise drastische Sprache, mit der sie die Zustände in ihrer Gesellschaft anprangert. Am Ende bin ich tief berührt und greife spontan zu meinem Handy, um Kalki zu googlen. Ich muss herausfinden, wer diese freche Lady ist.

Dabei fällt mir auf, dass ich noch kein Internet habe. Und noch etwas fällt mir auf: Mittlerweile ist es 9:10 Uhr! Wie die Zeit vergeht! Ich sollte Kalki auf später verschieben und mich schleunigst auf die Socken machen, wenn ich nicht hoffnungslos zu spät kommen will. Zum Glück ist das Frühstück im Preis inbegriffen, sodass ich nicht erst auf die Rechnung warten muss. Also raffe ich in Windeseile meine Sachen zusammen und schlängele mich durch Säulen und Winkel zum Ausgang. Auf dem Weg dorthin begreife ich dann auch, warum der Kellner vorhin so komisch geguckt hat. Ganz zufällig stolpere ich quasi im Vorbeilaufen über das restliche Buffet. Dort hinten an der Wand befinden sich die Salat-Ecke, die Müsli-Ecke, die Joghurt-Ecke und die Saftbar, wo ich meinen Orangensaft hätte zapfen sollen. Okay, den Teil werde ich morgen erkunden. Jetzt habe ich keine Zeit dazu.

Oben erwartet mich Mr. Khan. Irgendwann gab es bei einem bekannten Kaffeegroßröster mal T-Shirt-Druckfolie, mit der frau sich ihr ganz spezielles Fan-Shirt entwerfen konnte. Das musste ich natürlich ausprobieren. Am Anfang sah es auch umwerfend gut aus, aber dann beging ich den Fehler, es gelegentlich zu tragen und folglich auch zu waschen. Nach ungefähr zehn Waschgängen hat Cheffe nun reichlich Falten bekommen und es bröckelt ganz gewaltig an der Fassade. Genau deshalb habe ich es mitgebracht. Falls ich später kräftig mit Farbe beworfen werden sollte, werde ich es gleich hier in seiner rechtmäßigen Heimat beerdigen.

Auch meine heißgeliebte Streifenhose wird die Heimat nicht wiedersehen. Sie ist sehr bequem, denn sie hat einen Gummibund, aber sie stammt noch aus der Zeit, als ich Größe 50 trug. Deshalb muss ich sie alle hundert Meter wieder hochziehen. Außerdem hat sie ein paar üble Dreckspritzer abbekommen, als ich im Dorf meines Patenkindes in diese Schlammpfütze getapst bin, merke ich beim Anziehen. Soll ich tatsächlich so losgehen mit diesen braunen Flecken am Bein? Eigentlich ist sie doch sowieso viel zu lang und zu warm … Kurz entschlossen greife ich zur Schere und schneide die Beine unterhalb des Knies ab. So schnell wird aus einer langen Hose eine Caprihose. Ausgefranst ist ja neuerdings wieder in.

Fünf vor halb zehn. Ich stopfe Badetuch, Badeanzug und Sonnenmilch in eine Edeka-Tüte, weil ich keine genügend große Tasche dabei habe, und flitze nach unten. Mein Wagen steht schon bereit und ich muss zugeben: Ich genieße es schamlos, mich durch die Gegend chauffieren und nach Strich und Faden verhätscheln zu lassen. Mein Fahrer trägt ein blütenweißes Jackett und weiße Handschuhe. Seine Haut ist sehr dunkel, fast schon schwarz, und daher leuchtet die Jacke umso mehr. Neben ihm fühle ich mich in meinem Gammellook ein bisschen wie Mutter Flodder, aber ich bin ja eine komische alte Lady aus dem Westen. Ich darf das.

Die Straßen sind heute – für indische Verhältnisse – überraschend leer und deshalb brauchen wir dann doch nur eine halbe Stunde bis nach Juhu. Die Mädels erwarten mich schon an der Rezeption. Wir begrüßen uns herzlich, wie es sich für echte Didis (Didi = ältere Schwester) gehört, und obwohl ich drei von ihnen heute zum ersten Mal treffe, habe ich sofort das Gefühl, wir würden uns schon seit Ewigkeiten kennen.

Nun müssen wir natürlich erst mal eine Runde quatschen. Eine der Didis hat ebenfalls ein Patenkind über Plan International und will natürlich wissen, wie mein Besuch gelaufen ist. Also gebe ich einen kurzen Bericht und erfahre im Gegenzug, was die Vier auf ihrer Rundreise erlebt haben. Sie waren u. a. in Amritsar, haben den Goldenen Tempel besucht und den Fahnenappell an der Grenze zu Pakistan miterlebt. Wow! Ich bin ein bisschen neidisch, denn ich habe es nicht mal zum Taj Mahal geschafft. Maybe next time … or next life.

Ich sei übrigens ungeheuer mutig, erklären die Mädels übereinstimmend. Ich? Mutig? Ja, weil ich mich ganz allein durch Indien schlage, meinen sie. Na ja, das hat weniger mit Mut zu tun, sondern mehr mit Not. Mir blieb einfach nichts anderes übrig, nachdem ich in meinem Umfeld niemanden finden konnte, der sich auf dieses Abenteuer einlassen wollte. Am meisten stört mich am Alleinreisen, dass man seine Eindrücke mit niemandem teilen kann, aber nun hab ich ja endlich Gesellschaft.

Wollen wir uns nun in das Holi-Getümmel werfen? Ich bin voller Tatendrang, aber die Anderen bremsen mich aus. Die Damen von der Rezeption hätten ihnen abgeraten, in die Stadt zu gehen, erklären sie. Die Unterschicht lässt an solchen Tagen gern so richtig die Sau raus, tankt reichlich Alkohol und wirft dann nicht nur mit Farbpulver und Wasser, sondern unter Umständen auch mit Flaschen und Steinen. Hm … auf blaue Flecken auf dem T-Shirt bin ich vorbereitet. Blaue Flecken im Gesicht möchte ich mir lieber nicht holen. Also beschließen wir, zum Strand hinunterzugehen. Mal sehen, was dort so los ist.

Vor dem Hoteleingang erwartet uns bereits eine Horde bunter Gestalten. Sie sind mit Trommeln und Tröten bewaffnet und erzeugen damit diese typische, indische Katzenmusik, die ungeübtere Ohren als unsere sofort zum Flattern bringt. Sie belagern die Ausfahrt und wollen uns offenbar erst passieren lassen, wenn wir uns den Weg freikaufen.

Ich gönne mir eine Zigarette und wir warten ab, ob sie sich nicht vielleicht doch freiwillig verziehen. Da kommt ein Hund um die Ecke. Ah, der Hund von Welt trägt in dieser Saison pink und lila! Er hat wohl irgendwo mitten in der Schusslinie gestanden, der arme Kerl. Und er scheint uns adoptieren zu wollen, denn egal, in welche Richtung wir uns auch wenden, er folgt uns auf Schritt und Tritt.

Die Musikanten fiedeln unbeirrt weiter. Also kramen wir gemeinsam ein Bündel Zehner zusammen und sie ziehen endlich zufrieden davon. Gerade wollen wir uns in Richtung Strand in Bewegung setzen, da taucht noch ein kleines Männchen mit einer Tüte Farbe auf. Sehr höflich und sehr respektvoll fragt er, ob er uns einfärben darf, greift in die Tüte und schmiert uns ganz vorsichtig pinkfarbene Streifen auf die Wangen. Dabei strahlt er aus sämtlichen Knopflöchern und seine blendend weißen Zähne leuchten in seinem bunten Gesicht, sodass man ihm einfach nicht böse sein kann. Natürlich bekommt auch er noch einen Schein zugesteckt.

Gut, nun sind wir also auch als Holi-Aktivisten gekennzeichnet und machen uns auf den Weg zum Strand. Ich muss gestehen: Ich bin etwas enttäuscht. Ich hatte Lärm, Musik und wildes Treiben erwartet, aber der Strand ist wie leer gefegt. Nur ein paar vereinzelte Figuren sind unterwegs und füllen in der Brandung ihre Wasserpistolen.

Jetzt stehe ich also dem Indischen Ozean gegenüber und bei mir setzt ein Automatismus ein, den ich nicht steuern kann. Es ist einfach stärker als ich. Ich liebe Wasser in größeren Mengen, sei es als Bach, Fluss, See, Ozean oder Swimming Pool, und wo immer ich es antreffe, muss ich hinein. Ich streife meine Sandalen ab und die Didis warnen mich. Es könnten Glasscherben und ähnlich gefährliche Dinge im Sand lauern, an denen ich mich verletzen könnte. Okay, ich passe auf. Allerdings ist der Strand erstaunlich sauber, fest, wenn ich die Tatsache berücksichtige, dass ich mich in Indien befinde. An Nord- und Ostsee sieht es auch nicht besser aus. Hier liegen noch nicht mal Muscheln herum.

Entschlossen stapfe ich vorwärts und stelle meine Füße in die Brandung. Das Wasser ist angenehm warm, aber es hat eine leicht bräunliche Farbe und riecht auch etwas seltsam. Ja, ich weiß, dass Mumbais Kläranlagen ständig überlastet sind und eine Menge Abwasser ungefiltert ins Meer entsorgt wird. Schwimmen möchte ich in der Brühe ganz gewiss nicht. Die Inder sehen das offenbar genauso, denn niemand hält sich im Wasser auf. Das ist mir gestern beim ersten Blick aus meinem Hotelfenster schon aufgefallen. Na ja, meine Füße werden es sicher überleben. Zufrieden grabe ich meine Zehen in den Sand, bis die nächste Welle meinen Hosensaum durchnässt. Da beschließe ich, meine Mumbai-Taufe zu beenden.

Die Mädels sind auch schon in Aufbruchsstimmung. Da sich hier am Strand so gar nichts Aufregendes tut, werden wir eben zum Hotel zurückkehren und uns an den Pool legen. Oben werfen wir uns in unsere Badeanzüge, schultern unsere Handtücher und steigen hinauf zur Dachterrasse. Trude will die Tür zum Dachgarten öffnen, aber die Tür stellt sich stur und verweigert uns den Zutritt. Wie jetzt? Geschlossen? Ratlos stehen wir im Treppenhaus und leiser Unmut kriecht in uns hoch. Erst kein Holi und jetzt kein Pool? Ist heute der Tag der Reinfälle?

Plötzlich erscheint eine junge Dame im Treppenhaus. Ja, der Pool sei geschlossen, weil heute Feiertag sei. Ach so? Unser Unmut wächst. Trude will das nicht gelten lassen und redet mit Engelszungen auf die Lady ein. Ob sie nicht für uns eine winzigkleine Ausnahme machen könnte? Die Lady hört ihr geduldig und mit zuckersüßem Lächeln zu und bleibt eisenhart. Nein, das könne sie nicht. So sorry, Madam, aber der Pool ist geschlossen. Bas!

Hm … Ziemlich missmutig treten wir den Rückzug an, tauschen die Badeanzüge wieder gegen die Straßenklamotten und beschließen, die Mittagspause einzuläuten. Die Didis kennen ein kleines Cafe nur ein paar hundert Meter die Straße hinunter. Dort könne man gut essen, sagen sie, und außerdem sei es bisher das einzige Restaurant, in dem es mit den getrennten Rechnungen geklappt habe. Überall sonst hätten sie hinterher immer mühsam ausrechnen müssen, wer nun was zu bezahlen habe.

Stimmt, das Cafe ist gemütlich und sauber; viel sauberer als die Filiale einer berühmten Fastfood-Kette in Berlin, in die ich letztes Jahr geraten bin. Und obwohl es direkt an der Straße liegt, ist der Lärmpegel erträglich. Wir stärken uns mit Kaffee, Kuchen und Snacks und beratschlagen dabei, was wir nun mit dem angebrochenen Tag noch anstellen könnten, aber etwas richtig Vernünftiges fällt uns nicht ein.

Nach geraumer Weile sind unsere Mägen gefüllt, die Rechnungen bezahlt und wir schlendern gemächlich zurück zum Hotel. Ich trage ein Problem mit mir herum, nämlich eine leere Zigarettenschachtel, die ich gern loswerden würde, aber ich kann keinen Mülleimer finden. „Mülleimer?“, sagen die Anderen. „Sowas gibt’s hier nicht. Wirf sie einfach irgendwo hin.“ Wie bitte?! Das gefällt meiner auf Ordnung getrimmten, deutschen Spießerseele ganz und gar nicht. Seit ich drei war, hat meine Mama mir eingetrichtert, dass ich mein Eispapier nicht einfach in die Landschaft werfen darf.

Ich schaue prüfend in die Runde. Ja, es ist durchaus üblich, seinen Abfall einfach irgendwo fallen zu lassen. Müllhaufen, wohin ich auch sehe. Aber das heißt ja nicht, dass es auch richtig ist und dass ich dabei mitmachen muss. „Clean Mumbai – green Mumbai“, lautet der Slogan, den ich schon an mehreren Bushaltestellen gelesen habe und mit dem die Stadtverwaltung bei ihren Bürgern das Bewusstsein für den Umweltschutz wecken will. Also behalte ich meine Schachtel bei mir, um sie notfalls später im Hotel zu entsorgen, aber dann habe ich zu guter Letzt doch noch Glück. An einer Laterne hängt tatsächlich ein Papierkorb; rostig, verbeult und randvoll, aber es ist ein Papierkorb. Es gibt sie also doch! Ich deponiere meine Schachtel ganz oben auf dem Haufen und die Umweltschützerin in mir nickt zufrieden.

Vor dem Hotel angekommen sind wir immer noch unschlüssig, wie wir den Rest des Nachmittages verbringen wollen. „Im Fernsehen läuft Kuch Kuch Hota Hai“, schlagen die Anderen vor. Mich begeistert das weniger. Nichts gegen unseren heißgeliebten Shah Rukh, aber ich bin nicht nach Indien geflogen, um im Hotelzimmer zu hocken und mir einen Film anzusehen, den ich zu Hause auf DVD habe und im Übrigen fast auswendig kenne. Mir ist heiß und ich sehne mich danach, „meinen“ Pool im Taj auszuprobieren. Die Bilder im Internet sahen beeindruckend aus und ich wette, er ist auch geöffnet.

Tja, aber wie komme ich jetzt zurück ins Hotel, fragen die Mädels, und das ist eine wirklich gute Frage. Ich mustere die schwarz-gelben Taxis und Rikschas, die vor dem Hotel auf Fahrgäste warten. Wenn ich mir eins von denen aussuche, muss ich erst mit dem Fahrer den Preis aushandeln, und wenn ich Pech habe, spricht der ein so grottengrausames Englisch, dass ich nur die Hälfte oder auch gar nichts verstehe. Darauf habe ich jetzt so gar keine Lust. Meine Faulheit siegt. Die Damen an der Rezeption können im Taj anrufen, überlege ich laut, damit die mir einen Wagen schicken. Die Mädels sehen mich zweifelnd an. „Das musst du denen aber allein erklären“, kommentieren sie meinen Plan.

Kein Problem! Die Dame am Empfang ist sofort hilfsbereit. Sie fragt nach meiner Zimmernummer im Taj und beginnt zu telefonieren. Anscheinend wird sie hin und her verbunden, denn sie muss ihr Sprüchlein mehrfach wiederholen, aber schließlich hat sie ihren Auftrag erfüllt. Sie werde oben im Zimmer anrufen, wenn der Wagen da sei. Zimmernummer? Ähm…?

„Vier null fünf“, kommt mir die eine der Ladies zu Hilfe und ich übersetze: „Four five zero.“ Nein, halt! „Four zero five“, muss es heißen. Die Empfangsdame amüsiert sich köstlich über meine Unfähigkeit und meint, sie werde einfach in beiden Zimmern anrufen.

Wir fahren hinauf, denn ich muss ja noch meine Edeka-Tüte holen, und nutzen die Wartezeit, um den Plan für den morgigen Tag auszutüfteln. Die Mädels wollen am Vormittag shoppen und haben zu diesem Zweck eine Großraumtaxe gechartert, in der noch genau ein Platz frei ist für mich. Sie wollen in ein bestimmtes Schmuckgeschäft, in dem sie vor zwei Tagen eine Kette bestellt haben, und in einen CD-Laden, um ihre heimatlichen Bestände aufzustocken. Das kommt mir sehr gelegen, denn auch ich habe eine Liste von CDs in der Tasche, die ich in Deutschland nirgends auftreiben konnte. Hier werde ich hoffentlich fündig. Und ich brauche unbedingt einen Klamottenladen, denn ich habe von einer Freundin den Auftrag bekommen, ihr einen Salwer Kamez, eine Tunika mit passender Hose und Schal mitzubringen. Und weil sie auf dem Weg zu den Shopping-Tempeln praktisch bei mir vorbeikommen, vereinbaren wir, dass die Anderen mich um halb zehn abholen.

Dann klingelt das Telefon. Mein Wagen ist da. Die Mädels begleiten mich nach unten, weil ich ohne Schlüsselkarte den Aufzug nicht in Bewegung setzen kann. Wir verabschieden uns wie alte Freundinnen und ich trete den Heimweg an. Mein Fahrer ist von der schweigsamen Sorte und das kommt mir ganz gelegen. So kann ich gemütlich vor mich hin dösen.

Vor dem Hotel werde ich wieder munter. Jetzt freue ich mich auf eine lange, entspannte Runde Faulenzen am Pool; Sonne, frische Luft, schwimmen, ein bisschen Musik hören, ein bisschen in meinem Buch schmökern und dazu an einem leckeren Drink nuckeln. Yes! Frohen Mutes flitze ich nach oben, schiebe meine Karte ins Schloss, öffne die Zimmertür, eile den kurzen Flur entlang und … pralle erschrocken zurück!

Auf meinem Bett lauert etwas! Und es zielt auf mich! Hilfe!

„Soll das eine Drohung sein?“, schießt es mir durch den Kopf. Sie haben gemerkt, dass ich eins der Handtücher entführt habe, und wollen mir auf diese Art zu verstehen geben, dass man so was nicht tut? Ja, okay, aber erstens bringe ich es ja gerade wieder zurück und zweitens: Ist das ein Grund, eine alte Frau so zu erschrecken? Jetzt mal ehrlich: Das Ding sieht doch aus wie ein Scharfschütze vom SEK. Puh!

Okay, es ist ein Handtuch; ein kunstvoll gefaltetes Handtuch, und nachdem ich meinen Schreck überwunden habe, muss ich neidlos anerkennen, dass der Urheber dieser Dekoration wirklich ein Künstler ist. Was mir gleichzeitig auch noch auffällt: Offensichtlich machen sie hier zweimal täglich den Roomservice, denn das Bett war doch schon fertig, als ich vom Frühstück zurückkam.

Wie war doch gleich mein ursprünglicher Plan? Ich wollte zum Pool, richtig! Dieses Ding da bringt mich völlig aus dem Konzept. Also raffe ich zügig meine Habseligkeiten zusammen und fahre wieder hinunter auf Level 2.

Die Gartenanlage und der Poolbereich des Taj sind wirklich ein Traum. In Delhi war alles schrecklich eckig und aus Beton. Hier ist alles viel bunter, runder und gemütlicher. Und natürlich muss ich auch hier nichts selbst tun. Ich wende mich nur an den fröhlich strahlenden Poolboy. Der geleitet mich sehr zuvorkommend zu meiner Liege und flitzt eilig zurück an seinen Tresen, um mir das Handtuch zu bringen. Motto: jeder Gang macht schlank, obwohl er das wahrhaftig nicht nötig hat. Als Zugabe bekomme ich noch ein Fläschchen Himalaya-Wasser. Ob ich sonst noch etwas wünsche? Nein, danke. Später möchte ich noch einen ordentlichen Kaffee, aber zuerst muss ich testen, ob das Wasser hier genauso nass ist wie anderswo.

Vorsichtig taste ich mich auf nackten Füßen hinüber zur Dusche, denn an so was Nützliches wie Badeschlappen habe ich natürlich nicht gedacht. Ich besitze nicht mal welche, weil ich in der Heimat nur selten schwimmen gehe. Der eine heiße Tag im Freibad, den der deutsche Sommer uns im Regelfall genehmigt, findet immer dann statt, wenn ich wichtigeres zu tun habe. Und ich hasse diese feuchtwarme Luft im Hallenbad. Hach ja, wenn man zu Hause dieses Klima hätte … und den Pool direkt vor der Tür … dann würde ich jeden Tag schwimmen.

Ich feuchte mich notdürftig an und steige in die Fluten. Ja, das Wasser ist genauso nass wie überall und vor allem ist es warm, eigentlich viel zu warm. Puh! Heizen die den Pool etwa noch zusätzlich? Egal, jetzt bin ich drin und jetzt ziehe ich das auch durch. Entschlossen starte ich die erste Runde um das Becken.

Ich bin nicht allein, stelle ich fest, und damit meine ich nicht die junge Asiatin drüben am Beckenrand und auch nicht den Mann mittleren Alters, von dem ich nur den Hinterkopf sehe, weil er präzise wie ein Uhrwerk und prustend wie ein Walross mit dem Kopf unter Wasser seine Bahnen abarbeitet.

 

Nein, es sind noch andere Badegäste da. Sie sind auch Zweibeiner, aber sie tragen schwarze Federkleider, benutzen den Wasserfall als Dusche und saufen das Chlorwasser aus dem Becken. Die Tierfreundin in mir macht sich sofort Sorgen um die Flattermänner. Das kann ja auf Dauer nicht gesund sein, aber soweit denkt so ein Vogelhirn vermutlich nicht. Unbeirrt hocken sie am Beckenrand und schlürfen die Brühe in sich hinein. Sie sind überhaupt nicht scheu, obwohl sie uns Schwimmer sorgfältig in den schwarzen Knopfaugen behalten. Es reizt mich, auszuprobieren, wie weit ihre Toleranzgrenze reicht, also schwimme ich auf die Gruppe zu. Sie beäugen mich misstrauisch, hüpfen ein Stück zur Seite, aber sie denken gar nicht daran, sich von mir vertreiben zu lassen. Sie wissen wahrscheinlich, dass sie etwas können, was ich nicht kann, nämlich fliegen. Soweit reicht das Vogelhirn dann doch.

Ich drehe einige Runden, plansche ein wenig am Beckenrand und ziehe mich dann auf meine Liege zurück, denn das Wasser ist mir doch etwas zu warm. Während ich wieder zur Dusche hinübertänzele, fällt mir etwas auf: Obwohl die Luftbrigade wirklich überall herumtobt, sind nirgendwo irgendwelche Hinterlassenschaften von ihnen zu sehen. Jeder weiß, dass Vögel einen rasanten Stoffwechsel haben, und wer schon mal an Nord- und Ostsee war, weiß auch, dass man sich vor fliegenden Möwen dringend in Acht nehmen sollte. Aber hier ist nichts, weder im Becken noch darum herum. Entweder sind die Federviecher gut erzogen oder die Jungs vom Putzdienst laufen den ganzen Tag mit dem Wischlappen hinter ihnen her.

Die nächsten zwei Stunden verbringe ich Kaffee trinkend und lesend auf meiner Liege und genieße das süße Nichtstun in vollen Zügen. Doch dann packt mich plötzlich eine merkwürdige Unruhe. Irgendwie ärgert es mich, dass ich bisher am Haus meines berühmten Nachbarn nur vorbeigefahren bin. Und es ärgert mich auch, dass mein Khan-Shirt nicht einen Krümel Farbe abbekommen hat. Schließlich ist immer noch Holi. Ob da drüben irgendetwas Spannendes passiert? Warum gehe ich nicht einfach hinüber und finde es heraus?

Weil, erklärt mir meine Vernunft, es schon langsam dunkel wird und außerdem ist es bald Zeit für das Abendessen. Hm … Das Argument überzeugt mich nicht wirklich. Das Abendessen läuft mir nicht weg und noch hängt die Sonne deutlich über dem dunstigen Horizont. Kurz entschlossen sammle ich meine Sachen ein und fahre nach oben, um mich umzuziehen.

Fünf Minuten später bin ich wieder unten und stehe zweifelnd auf der Hoteltreppe. Soll ich wirklich so ganz allein …? Die Propaganda der Medien hat offensichtlich auch meinen Kopf infiziert und das Stichwort „Vergewaltigung“ wabert durch mein Hirn. Indien ist doch schrecklich gefährlich für Frauen, nicht wahr? Immer noch unschlüssig steige ich die Treppe hinunter und schlendere in Richtung Ausgang. Einer der Wachmänner kommt auf mich zu.

„This way, Madam, please“, sagt er und weist mir den Weg zu dem großen, schmiedeeisernen Tor. Ich gebe mir einen Ruck. Was er denkt, frage ich ihn. Ist es sicher für mich, um diese Zeit allein nach Mannat hinüber zu laufen? Er lacht mich strahlend an und im Stillen lacht er mich aus. Davon bin ich überzeugt. „Of course, Madam, no problem!“ Seine schwarzen Augen funkeln vergnügt und seine weißen Zähne blitzen. Mit galanter Geste öffnet er das Eisentor für mich und schubst mich praktisch hinaus auf die Straße. Phh, no problem! Das sagen die immer, diese Inder. Das hab ich in meinem „Fettnäpfchenführer“ gelesen.

Okay, bevor ich mich mit meiner Zimperlichkeit endgültig lächerlich mache, trete ich mich wieder mal selbst in den Hintern und stapfe entschlossen vorwärts. Die Straße ist gut bevölkert. Busse, Autos, Taxis, Rikschas, Motorräder, Fußgänger; alles wuselt wild durcheinander. Die Chance, hier vergewaltigt zu werden, ist minimal, merke ich nach wenigen Metern. Viel größer ist die Wahrscheinlichkeit, von einem der Kraftfahrzeuge überrollt zu werden. Die Geräuschkulisse um mich herum erinnert an ein voll besetztes Fußballstadion und ich muss ständig wie ein Floh von rechts nach links hüpfen, um nicht unter die Räder zu kommen. Zwar gibt es sowas Ähnliches wie einen Fußweg, aber der ist schmal und mit allerlei Unrat und Stolperfallen gespickt. Deshalb absolviere ich meinen Slalomlauf lieber auf der Fahrbahn. Puh, ist das anstrengend, zumal die Temperatur immer noch bei über 30 Grad liegt.

Schließlich erreiche ich lebend und unverletzt mein Ziel. Da ist es: Mannat! Die Residenz des King! Ich platziere mich auf der gegenüberliegenden Straßenseite und lasse das Bild auf mich wirken. Du lieber Himmel, wie viel tausende von Kilometern bin ich gereist, nur um einmal hier zu stehen! Bin ich verrückt? Ja, ganz bestimmt! Für das Geld, dass ich hier verschleudere, hätte ich vermutlich sechs Wochen Türkei buchen können. Nichts gegen die Türkei, aber dort gibt es nun mal keinen Shah Rukh.

Merkwürdig: Zu Hause war mein einziges Sehnen und Trachten, hierherzukommen, aber nun, da ich hier bin, bleibt der große Wow-Effekt aus. Es fühlt sich alles so vertraut an, als würde ich jeden Tag hier vorbeilaufen. Okay, wahrscheinlich liegt es daran, dass sich wieder absolut nichts tut hinter dem Zaun. Würde er jetzt höchstpersönlich durch das Tor spazieren, weiß ich nicht, was meine Knie dazu sagen würden.

Irgendwann im letzten Jahr hatte Cheffe getwittert, er müsse das Haus streichen lassen, erinnere ich mich. Nun, das Haus vielleicht noch nicht einmal, aber auf jeden Fall die Mauer. Die auf Zucht und Ordnung getrimmte Dorfspießerin in mir beginnt zu meckern. Die gesamte Vorderfront wirkt ziemlich schmuddelig und der Stacheldraht auf dem Zaun sieht auch nicht gerade einladend aus. Okay, ich verstehe, dass der notwendig ist, sonst könnte er sich vor „Besuchern“ gar nicht mehr retten. Immerhin sind das alte grottenhässliche, ockerfarbene Tor und diese scheußliche Bretterverkleidung von früher verschwunden.

Direkt vor meiner Nase stoppt ein Reisebus und spuckt eine Horde junger Leute aus, die mit in die Luft gereckten Smartphones in den Händen kreischend und schnatternd über die Straße stürmen. Nun ist mir die Sicht versperrt und ich beschließe, meinen Standort zu wechseln und die kleine Seitenstraße zu erkunden, die neben der Khan-Villa zur Mt. Mary Church hinaufführt. Also überquere ich todesmutig die Straße ein zweites Mal, biege um die Ecke … und staune!

Die Seitenstraße ist steil und sehr schmal; gerade mal so breit, dass sich zwei Autos aneinander vorbeiquetschen können. An der rechten Seite führt eine steinerne Rampe nach oben und mündet in einen etwa einen halben Meter hohen Betonsockel. Und auf diesem Sockel parkt ein Bus, ein hochmoderner grauer Reisebus! Hui, der Van des Chefs! Leicht außer Atem stapfe ich die Straße hinauf und bewundere das glänzende Gefährt. Donnerwetter, wer auch immer dieses Geschoss steuert, der kann Auto fahren. Das Hinauffahren ist dabei nicht die große Kunst, aber hinunter kann es nur im Rückwärtsgang gehen, überlege ich mir. Wenden ist in dieser engen Gasse? Unmöglich, nicht mit diesem Ungetüm.

Vor dem Van parkt noch ein Schwung Motorräder. Daneben steht eine Parkbank und schon erlebe ich die nächste Überraschung. Auf der Bank sitzt ein Mann in einem olivfarbenen Pullover (Wie kann man nur bei dieser Hitze einen Pullover tragen?) und mit äußerst gelangweilter Miene. Er hält eine Hundeleine in der Hand. An deren Ende hängt ein riesiger schwarzer Hund und hechelt aus Leibeskräften. Sein Kopf ist so groß wie der eines Kalbes und sein Fell zwar nicht so lang, aber fast so dicht wie das eines Neufundländers. Neben ihm liegt, lang ausgestreckt und den Kopf lässig auf die Pfoten gelegt, ein weiß-goldbraun gemustertes Fellbündel und schläft. Bewacht wird die Szenerie von einem jungen Mann in militärisch anmutender, dunkelblauer Uniform. „Krystal Security“ steht auf seiner Jacke. Ah, das ist also der Typ, der mich verhaften lassen wird, falls ich auf die Idee kommen sollte, die Nummernschilder mit der obligatorischen „555“ vom Van des Chefs zu klauen.

Aber ich habe sowieso keinen Schraubenzieher dabei und die beiden Fellträger interessieren mich viel mehr. In Gedanken gehe ich die königliche Hundemeute durch. Der kleine Kampfhamster muss Frauchens Pekinese sein, aber was und wer ist dieses schwarze Monster? Wenn das ein Labrador sein soll, dann müssen die hier in Indien eine spezielle Linie züchten, denn diese Rasse kenne ich irgendwie anders.

Und jetzt kommt der Moment, über den ich mich noch Wochen und Monate später bis zur Weißglut ärgern werde. Ein Mann steigt mit zwei etwa acht- und zehnjährigen Mädchen im Schlepptau die Straße herauf. Auch die Mädchen bewundern den Van und hüpfen vor Begeisterung auf und ab. Papa wechselt ein paar Worte mit dem Security-Mann und der nickt gelassen. Daraufhin bauen sich die Mädchen vor dem Van auf und Papa knipst, was das Zeug hält. Und da durchzuckt es mich plötzlich wie ein Blitz: Ich habe meinen Fotoapparat vergessen!

Verdammt und zugenäht! What the f***!! Ist das zu glauben?! Wie blöd kann frau denn sein?! Das muss man sich mal vorstellen: Ich pilgere zur Khan-Villa …

… UND VERGESSE MEINEN FOTOAPPARAT IM HOTEL!!!

Zwar habe ich mein Handy dabei, aber wir kennen uns erst seit ein paar Wochen und mit der Kamerafunktion stehe ich noch auf Kriegsfuß. Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich habe keine Ahnung, wie man das Blitzlicht aus dem Ding herauskitzelt. Außerdem hat es auch nicht diese Anti-Wackel-Funktion oder ich weiß nicht, wie man sie einstellt. Jedenfalls wird nur jedes dritte Bild wirklich scharf. So zitterig, wie meine Hände jetzt sind, bekomme ich damit garantiert nichts Vernünftiges zustande.

Stinksauer über meine unglaubliche Dämlichkeit schaue ich noch einen Moment zu, wie der Papa seine Mädels ablichtet. Dann trete ich restlos frustriert den Rückweg an. Na ja, morgen ist ein neuer Tag. Vielleicht habe ich ja noch mal so viel Glück.

Zurück im Hotel greife ich zu dem edlen Büttenpapier, das auf dem Schreibtisch bereitliegt. Zu schade, dass ich keinen knallroten Filzstift zur Hand habe. Mit dem Bleistift male ich in dicken, fetten Lettern das Wort

„KAMERA!“

auf den Zettel und lehne ihn an die Wasserflaschen auf der Kommode. So was selten Blödes passiert mir garantiert nicht nochmal!

Ein Gedanke zu „Montag, 17. März 2014 – Über Verwirrung beim Frühstück, ausgefallenes Holi und Vergesslichkeit

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