Dienstag, 18. März 2014 – Über Roomboys, Bettelknaben, Einkaufen im Sitzen und fehlende „Chilischoten“

Wieder klingelt mein Handy um sechs, aber murren gilt nicht. Der Tag ist durchgeplant und ich habe keine Zeit zu verlieren.

Die Dusche und ihre heimtückischen Spielchen kenne ich nun und warte geduldig, bis sie erträglich warmes Wasser liefert. Auch wie man das Licht im Bad löscht, habe ich nun gelernt. Alles läuft wie am Schnürchen. Während meine Haare trocknen, kann ich mich in aller Ruhe meiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Klamotten sortieren in die Kategorien „sauber“, „geht noch mal“ und „igitt“. 

Ein Problem, mit dem man als Reisende konfrontiert wird, scheint überall auf der Welt das gleiche zu sein. Dabei ist es offensichtlich egal, ob man in einer Wanderherberge oder in einem Fünf-Sterne-Hotel nächtigt. Das Zimmer ist riesig, der Kleiderschrank winzig und es gibt nie genügend Kleiderbügel. Bei dem aktuellen Modell hier befindet sich das Wäschefach ganz oben über der Kleiderstange. Leider bin ich nur durchschnittlich groß geraten und kann es gerade eben noch mit den Fingerspitzen erreichen. Sollte ich also leichtsinnigerweise meine Unterwäsche dort platzieren und sie dann aus Versehen zu weit nach hinten schieben, wird sie im Nirwana verschwinden und ich werde sie niemals wiedersehen. Es sei denn, ich steige auf einen Stuhl. Deshalb habe ich nur die wichtigsten Sachen ausgepackt und aufgehängt und lebe ansonsten aus dem Koffer, was wiederum bedeutet, dass ich ihn jeden Morgen neu sortieren muss, um zu finden, was ich suche.

Um Viertel vor acht bin ich frühstücksfertig und auf dem Weg zur Tür. Mein Blick fällt auf den Zettel mit dem Stichwort „Kamera“, der immer noch an den Wasserflaschen lehnt und mich fatal an meinen Reinfall von gestern Abend erinnert. Eigentlich ist es unwahrscheinlich, dass mir dergleichen noch mal passiert, aber mittlerweile traue ich mir ja so Einiges an Blödheit zu. Soll der Roomboy sich ruhig kaputtlachen, wenn er den Zettel sieht.

Oder halt! Ich kann ihn ja auch einfach aussperren, bis ich das Haus verlassen habe. Entschlossen drücke ich auf das Knöpfchen mit der Aufschrift „Privacy“ an der Tür. Es sorgt dafür, dass draußen neben der Zimmertür ein Schild aufleuchtet und dem Roomservice signalisiert, dass dieser Gast nicht gestört werden möchte. In Delhi gab es noch die althergebrachten „Do not disturb“-Schilder, aber hier läuft alles vollautomatisch.

An der Türklinke hängt ein schwarzer Stoffbeutel und darin befindet sich die heutige Hindustan Times. Ah, gestern war Feiertag, verstehe ich, und deshalb gab es keine Zeitung. Prima, dann habe ich ja wieder etwas zu lesen beim Frühstück.

Der Roomservice ist bereits in vollem Einsatz. Die Tür zum Zimmer gegenüber steht weit offen und daneben parkt einer von diesen riesigen Materialwagen. Und es singt! Irgendwo da drinnen trällert jemand ein Liedchen vor sich hin und es klingt gar nicht mal schlecht. Gleich darauf erscheint der Urheber des Frühkonzerts auf der Bildfläche. Er lacht mich an wie die Morgensonne persönlich, als er mich sieht.

„Gudd monin, Maddamm“, grüßt er, während er in gemütlichem Tempo zu seinem Wagen schlendert und den Inhalt des Mülleimers lässig in den Abfallsack leert. „Hau a ju du?“ Ich grüße zurück und bestätige mechanisch, dass ich „fine“ bin, während ich ihn fasziniert anstarre. Ich kann nicht anders, tut mir leid. Schon wieder – wie so oft, seit ich dieses Land betreten habe – rutscht mein europäisches Weltbild in Schieflage. Dieser Mann hier strahlt eine unglaublich gute Laune aus. Er hat offensichtlich Spaß bei seiner Arbeit; merkwürdig, wenn man bedenkt, dass sein Job bei mir zu Hause als „Frauenjob“ gilt, normalerweise im Laufschritt erledigt werden muss, wenig Ansehen genießt und obendrein auch noch miserabel bezahlt wird. Er dagegen scheint absolut glücklich damit zu sein. Nun gut, vermutlich gilt er unter Seinesgleichen als privilegiert, weil er in einem Fünf-Sterne-Hotel arbeitet, und zusammen mit den Trinkgeldern bezieht er wahrscheinlich ein für seine Verhältnisse fürstliches Gehalt. Und noch etwas Merkwürdiges fällt mir plötzlich auf: Bisher habe ich in den Putzkolonnen nicht ein einziges Mädchen gesehen.

Er missversteht mein Geglotze offensichtlich und zieht irritiert die Augenbrauen hoch. „A ju sattifeit wit ewitin?“, forscht er besorgt nach und zeigt auf meine Zimmertür. Hä?! Wat is dat? Ich brauche drei Sekunden, um zu begreifen, was er meint, und bevor ich nicken kann, setzt er nach: „Kamra men sab pasand hai (Im Zimmer alles zur Zufriedenheit)?“ Ah, das hab ich besser verstanden; ich mit meinen drei Brocken Hindi.

„Sab acca hai“, versichere ich eilig. Ja, ich bin vollkommen zufrieden mit allem, trotz fehlender Kleiderbügel. Es gibt wirklich Schlimmeres. Daraufhin strahlt er wieder aus sämtlichen Knopflöchern und ich muss unwillkürlich mitlächeln. Es ist einfach zu ansteckend.

„Accacaca! Hafa neiss däi!“, ruft er mir zu und verschwindet wieder im Zimmer. („Acca“ ist das indische Pendent zu „Okay“ und kann in jeder Lebenslage benutzt werden, in der man Zustimmung signalisieren möchte. Um den jeweiligen Grad der Zustimmung bis hin zur Begeisterung auszudrücken, kann man entsprechend viele „ca“ an das eigentliche Wort anhängen.) Ich horche in mich hinein. Meine Laune hat sich tatsächlich um drei Punkte verbessert. Sie war vorher schon nicht schlecht, aber nun fühle ich mich regelrecht beschwingt und wandere vergnügt zum Fahrstuhl.

In der Vista Lounge werde ich wieder zu meinem Tisch geleitet und heute weiß ich Bescheid. Heute erkläre ich dem Kellner direkt, was ich möchte: einen großen Pott Latte, zwei Croissants und eine Extraportion Butter. Er guckt ein bisschen verdattert. Solche preußisch-zackigen Ansagen bekommt er vermutlich nicht so oft zu hören, aber natürlich nickt er freundlich-höflich und eilt davon. Er wird schon wissen, wo das Mädel mit dem Bauchladen zu finden ist.

Inzwischen erkunde ich den restlichen Teil des Buffets, zapfe mir meinen Orangensaft und greife mir ein Becherchen Mango-Joghurt. Die Salatbar sieht wirklich einladend aus. Quer durch das Gemüsebeet reicht das Angebot: Tomaten, Rettich, Gurken, Bohnenkeime, Kichererbsen, Zwiebeln und verschiedene Sorten Salat. Fast bin ich in Versuchung, mir ein Schälchen zu mixen, aber dann klingt mir die Warnung meines Impfarztes in den Ohren: „Keine Blätter essen!“ Der Mann stammt aus Pakistan. Der muss wissen, wovon er redet. „Peel it, boil it or forget it“, lautet die Devise. Wenn du es nicht schälen oder kochen kannst, vergiss es lieber.

Neben den Salaten stehen die Obstschalen und hier ist das Angebot eher enttäuschend: Wassermelone, Honigmelone, unbekannte Melone, noch eine Melone und Ananas. Das war’s. Moment mal, ich bin hier doch in den Tropen oder nicht? Wenn in Spanien schon die Zitronen blühen, dann sollten sie hier doch erst recht wie Bambus in die Höhe sprießen? Keine Orangen, Grapefruit, Mango, Papaya, Bananen, nicht mal ordinäre Äpfel? Hm … Trotzdem steht mir der Sinn nach etwas Frischen. Also fülle ich aus jeder Schale einen Löffel auf meinen Teller und kehre an meinen Tisch zurück.

Mein Kaffee steht schon an meinem Platz und auch die zweite Portion Butter. Daneben wartet die Lady mit dem Bauchladen. Na gut, wenn sie schon mal da ist, dann nehme ich heute eins von diesen appetitlich aussehenden Schokocroissants und ein normales. Sie zieht zufrieden davon und ich widme mich genüsslich meinem Frühstück. Übrigens: die Wassermelone schmeckt hier tatsächlich nach Melone und nicht nur nach Wasser wie ihre Kollegen aus spanischen oder holländischen Gewächshäusern, die uns in der Heimat normalerweise vorgesetzt werden.

Die Zeitung gibt heute nichts Nennenswertes her. Trotzdem stolpert man hier und da über vertraute Gesichter. So erfahre ich nebenbei, dass der FC Bayern trotz „Hoeness-Schande“ den Titel anvisiert. Von mir aus; ich bin kein Fußballfan und die Steueraffären unserer Topmanager überraschen sowieso niemanden mehr. Aber irgendwie ist es schon witzig, dazu eine Meldung in einer indischen Tageszeitung zu lesen.

Um Viertel vor neun bin ich fertig mit dem Frühstück und fahre wieder nach oben, um mich umzuziehen und meine Sachen zu packen. Heute ist der andere Khan dran, der fachgerecht hergestellte aus der Druckerei, den man bei 30 Grad waschen darf, ohne dass die Fassade bröckelt. Wenn wir nachher vor dem Eisentor das obligatorische Foto schießen, muss ich schließlich Flagge zeigen.

Apropos Foto!

Mit höchster Sorgfalt ziehe ich meiner Kamera ihr himbeerfarbenes Schutzmäntelchen an, stecke den frisch aufgeladenen Ersatz-Akku in das Seitenfach und hake die Tasche an meiner Handtasche fest. Dann nehme ich den Merkzettel vom Schrank, zerreiße ihn in winzige kleine Fetzen und versenke sie ganz tief unten im Papierkorb. Plötzlich weht ein deutscher Schlagerfetzen durch mein Hirn, der besagt, dass man aus Fehlern lernt und vom Schmerz erwacht. Ich habe keine Ahnung, wie der Song heißt und von wem er stammt – wahrscheinlich wieder Andrea Berg oder Helene Fischer – aber auf jeden Fall ist was Wahres dran.

Fünf nach neun summt mein Handy und die Mädels melden per SMS: „Wir fahren los.“ Alles klar, dann habe ich noch ein halbes Stündchen, um in Ruhe ein paar Euros zu tauschen und draußen am Pool gemütlich eine Zigarette zu rauchen. Pünktlich um halb zehn stehe ich mit allen überlebensnotwendigen Dingen ausgestattet – Bargeld, Kreditkarte, Handy, Sonnenbrille, Kamera(!) und Wasserflasche – am Hoteleingang und kurz darauf fährt der Wagen mit den Mädels vor. Die zwei auf der hintersten Bank tun mir ein bisschen leid. Sie hocken da eingeklemmt wie Sardinen in der Büchse. So sieht es jedenfalls aus meiner Perspektive aus. Ich dagegen darf mich auf den geräumigeren Beifahrersitz schwingen und schließe brav meinen Gurt. Auch in Indien herrscht Anschnallpflicht; bisher nur auf den Vordersitzen, aber der Rest kommt noch. Da bin ich sicher und irgendwann werden wir alle auch beim Autofahren noch einen Helm tragen müssen …

Die Ladys reichen einen kleinen Zettel nach vorn, auf dem die Adresse des Schmuckgeschäftes notiert ist, das wir als erstes ansteuern wollen. Ich muss dolmetschen, denn der Fahrer guckt äußerst ratlos auf das Geschreibsel. Erst, als ich ihm die dazugehörige Erklärung liefere, hellt sich seine Miene deutlich auf. Ah ja, jetzt weiß er Bescheid, startet den Motor und los geht’s! Ich denke mir nichts weiter dabei und lerne erst viel später, dass viele Taxifahrer entweder gar nicht oder nicht gut oder zumindest kein Englisch lesen können. Danach wird mir einiges klarer, was ich bis dahin nicht verstanden hatte.

So um die fünfzig Kilometer werden wir heute mit dem Wagen abreißen, aber das weiß ich bis dahin noch nicht. Unser erstes Ziel liegt in südlicher Richtung im Fort District in der Nähe des Gateway of India, dem berühmten Wahrzeichen der Stadt. Bis dahin sind es über achtzehn Kilometer und inklusive der diversen kleinen Staus zwischendrin brauchen wir beinahe vierzig Minuten für die Fahrt. In der Mega-City Mumbai sind die Entfernungen gewaltig. Hut ab vor sämtlichen Taxi- und Rikscha-walas, die diesen Stadtplan im Kopf haben!

Nach wenigen Minuten taucht eine Mautstation vor uns auf. Ah, wir fahren über den Bandra Worli Sea Link, begreife ich und freue mich, denn darauf hatte ich gehofft. Von meinem Hotelfenster habe ich einen beeindruckenden Blick auf dieses gewaltige Bauwerk.

Hören wir, was Onkel Wiki dazu zu sagen hat:

Der Bandra-Worli Sea Link heißt offiziell „Rajiv Gandhi Sea Link“. Es handelt sich um eine achtspurige Schrägseilbrücke, welche die Stadtteile Bandra und Worli verbindet und dabei die Bucht von Mahim überquert. Die Grundsteinlegung erfolgte 1999. Die Fertigstellung war zunächst für Dezember 2008 geplant. Eröffnet wurde sie dann aber doch erst am 24. März 2010. (Leider konnte ich damals nicht dabei sein, denn an dem Tag hatte auch ich Geburtstag.) Noch ein paar Eckdaten:

  • Gesamtlänge 5,6 km,
  • Breite 2 x 20 m,
  • Höhe über der Wasserlinie 126 m,
  • Fahrzeugaufkommen pro Tag 37.500

Quelle: Bandra Worli Sea Link bei Wikipedia

Angeblich wurde ein vollautomatisches Bezahlsystem installiert, das die Überfahrt ohne Anhalten möglich machen soll. Davon merke ich allerdings nichts, denn wir stehen erst mal in der Schlange. An den Kassenhäuschen tummeln sich aber jede Menge junger Burschen, die das Geld entgegennehmen und Quittungen und Wechselgeld austeilen, sodass wir dann doch recht zügig durchkommen. Die Fahrt selbst erweist sich als eher unspektakulär, denn durch die hohen Seitenbegrenzungen sieht man nicht viel vom Meer. Knapp zehn Minuten später ist der Spaß schon wieder vorbei. Wir sind wieder auf dem Festland und wühlen uns mühsam durch den Stadtverkehr.

Der kleine Schmuckladen am Vaju Kotak Marg ist vielleicht so groß wie meine heimische Küche. In der Mitte des Raumes steht ein kniehoher Tresen mit einer Glasplatte, unter der die Schmuckstücke ausgestellt sind. Links davon warten genau fünf Hocker auf uns. Welch ein Glück! So findet jede von uns einen Platz, denn in indischen Geschäften muss man sitzen, lerne ich jetzt. Auf der anderen Seite des Tresens bleibt gerade noch genügend Raum für den Verkäufer und seinen Assistenten. Ringsum an den Wänden stehen Vitrinen und Regale, vollgestopft mit kunstvollen Skulpturen aus Holz und Stein in den verschiedensten Größen. Ah, ich brauche noch einige Mitbringsel für meine Freunde und natürlich auch für mich, fällt mir dabei ein.

Aber zuerst widmen wir uns dem Thema Schmuck. Schon lange suche ich nach einem passenden Schmuckset, mit dem ich meinen Sari stilvoll ergänzen kann. Auf einer Bauchtanzmesse habe ich letztes Jahr so ein Billigzeugs für 20 € erstanden, von dem mittlerweile die ersten Steinchen und Perlen abgefallen sind. Und ich besitze einen Satz Armreifen aus dem India Store in Berlin, die meine Handgelenke blau färben, wenn ich sie trage. Vielleicht werde ich hier fündig?

Die anderen Didis sind bereits voll in die Materie eingestiegen und die Verkäufer kramen mit einer Engelsgeduld immer neue Schachteln und Kästchen unter dem Tresen hervor. Mein Blick fällt auf einen silbernen Ring, an dem türkisfarbene Steine wie eine Blüte angeordnet sind. Er ist recht schwer, merke ich, während ich ihn in die Hand nehme. Sind die Steine etwa echt? Ja, echte Türkise, bestätigt der Verkäufer gelassen, und „Wait a minute!“ Er wühlt kurz in einer anderen Schachtel und legt mir den dazu passenden Anhänger auf den Tisch. Meine Neugier steigt. Hat er vielleicht auch noch die passenden Ohrringe dazu? Er runzelt kurz die Stirn, kramt unter dem Ladentisch und findet sie prompt. Ich bin begeistert.

Dieses Schmuckset ist zwar nicht klassischer Bollywood-Look, aber umso besser! Dann kann ich es wenigstens auch zu normalen Sachen tragen und es verstaubt nicht sinnlos im Schrank. Wenn er jetzt noch eine passende Kette zu dem Anhänger findet, sind wir im Geschäft. „Sure, Ma’am, no problem.“ Er mustert flüchtig meinen Hals, gräbt in der Schachtel mit den Silberketten und zieht eine heraus, von der ich meine, sie sei zu kurz. „No, no, just try.“ Er fädelt den Anhänger auf und ich probiere. Tatsächlich, sie passt perfekt. Logisch, wer mit Schmuck zu tun hat, braucht ein gutes Auge.

„Okay, how much?“ Nun kommt der Taschenrechner zum Einsatz. Er tippt und murmelt und tippt … „9.800 Rupien“, verkündet er schließlich, also etwa 120 €, überschlage ich grob. Uff! Andererseits: der Schmuck gefällt mir und es ist auch kein zusammengeschusterter Schrott, wage ich zu beurteilen, obwohl ich keine Schmuckexpertin bin.

Also gut, deal! „Credit cards accepted?“ – „Sure, Ma’am, no problem.” Ich sag ja, das sagen die immer, diese Inder! Aber halt, bevor wir zur Abrechnung schreiten, brauche ich noch die besagten Mitbringsel für meine Freunde. Für Freunde muss ich Elefanten nehmen, erklärt er mir mit Überzeugung, denn Elefanten bringen Glück. Okay, Glück kann man schließlich immer brauchen. Also klettere ich mühsam hinüber auf die andere Seite des Tresens, um die Rüsseltiere zu begutachten. Es gibt sie in allen möglichen Farben und Größen und ich kann mich erst mal gar nicht satt sehen an der bunten Pracht. Nach langem Hin und Her entscheide ich mich schließlich für einen schwarzen, der mit goldenen Mustern und bunten Jagdszenen verziert ist. Gleich daneben steht ein kleinerer, ebenfalls in schwarz. Er trägt ein rotes, aufgemaltes Cape mit goldenem Karomuster. Den bekommen die Schwiegereltern meiner Tochter. Jetzt fehlt mir noch etwas für meine Arbeitskolleginnen …

Die Touristen würden diese hier lieben, meldet sich der Verkäufer zu Wort und zeigt mir einige Elefanten aus grauem Marmor. Sie wirken eher schmucklos, aber ihr dicker Bauch ist zu einem Netz aufgemeißelt und in dem Netz steckt ein weiterer kleiner Babyelefant. Ich bin beeindruckt. Wer das hinbekommt, ist ein wahrer Künstler. Verglichen mit ihren gleich großen Kollegen aus Holz sind sie richtig teuer, aber zum Glück gibt es sie auch in kleinerer Ausführung und dann passt das Budget wieder. Ich suche also noch zwei Marmorelefanten aus und zücke meine Kreditkarte. 14.200 Rupien lautet die Endsumme und erscheint später als knapp 170 € auf meiner Kartenabrechnung. Puh! Eigentlich hätte ich jetzt handeln müssen, aber darin bin ich grottenschlecht. Meine Buchhalterseele ist an Preisschilder gewöhnt und die Feilscherei ist mir ein Gräuel, also sei’s drum. Der Verkäufer wickelt die Elefantenherde sorgfältig in die Zeitung von gestern, verpackt alles in eine Tüte und drückt mir zum Schluss noch einen kleinen, hölzernen, bunt bemalten Ganesha in die Hand. Wie hübsch! Auf die Art bekomme ich doch noch einen kleinen Bonus.

Nun brauchen wir einen großen CD- und DVD-Shop, erklären wir unserem Fahrer, als wir alle wieder im Auto sitzen. Er überlegt nicht lange und fünf Minuten später halten wir vor dem Rhythm House am Dubash Marg. Wir dürfen aussteigen und er hat nun die komplizierte Aufgabe, in diesem Verkehrsgewühl einen Parkplatz zu finden. Ich bin heilfroh, dass ich dieses Problem nicht selbst lösen muss.

Der Laden wirkt auf den ersten Blick genauso winzig wie das Schmuckgeschäft. Eigentlich hatte ich beim Stichwort „CD-Shop“ an etwas von der Sorte „Media Markt“ gedacht, aber okay. Lassen wir uns überraschen. Drinnen ist es eng; so eng, dass man sich stellenweise nur mühsam aneinander vorbeiquetschen kann, aber das Sortiment ist schlicht überwältigend. Von indischer Klassik bis zu den neuesten westlichen Chart-Hits ist alles zu haben, was das Herz des Musikliebhabers begehren mag. Und es herrscht Selbstbedienung! Ein Glück! Obendrein ist auch alles sorgfältig nach Sparten und Künstlern sortiert und in für den Ausländer lesbaren Zeichen beschriftet. Sehr gut!

Zu Hause habe ich mir eine lange Liste von Soundtracks ausgedruckt, die es bei Amazon nicht gibt oder nur zu horrenden Preisen und die ich hier nun endlich zu finden hoffe. Diese Liste, fällt mir siedend heiß ein, liegt allerdings in meinem Koffer im Hotel! Das war soo klar! Aber immerhin habe ich die Kamera dabei. Egal; ich weiß auch so, welche Filme mir noch fehlen, und mache mich frohen Mutes an die Arbeit. Ein Mann in Uniform schlendert durch den Laden und wirft immer wieder prüfende Blicke auf meine Finger, während ich systematisch die CD-Ständer durchsuche. Logisch; diesen verwinkelten, unübersichtlichen, mit Waren vollgestopften Laden kann ein Mensch allein kaum im Auge behalten. Aber ich habe schließlich keine kriminellen Absichten. Daher stört es mich nicht weiter.

So richtig erfolgreich ist meine Suche nicht. Die Soundtracks zu Mr. Khans älteren Filmen sind offenbar auch hier nicht mehr sonderlich gefragt, aber immerhin habe ich endlich „Devdas“ gefunden. Die Preise lassen das europäische Herz jubeln. Lumpige 125 Rupien kostet die CD, also etwa 1,50 €. Für 149 erbeute ich noch „Fanaa“ und für 160 „Rab Ne Bana Di Jodi“. Das nenne ich mal ein Schnäppchen!

Der Mann an der Kasse liest Zeitung und ist hinter den ganzen Displays, die auf dem Tresen aufgebaut sind, kaum zu sehen. Sichtlich gelangweilt packt er meine Fundstücke in die obligatorische Plastiktüte, kassiert und gibt mir das Wechselgeld heraus. Endlich bekomme ich mal Münzen in die Hand! Sie sind schlicht, ohne Schnickschnack und es steht groß und deutlich „1“ und „2“ darauf. Das 2-Rupien-Stück ist deutlich größer als das 1-Rupien-Stück; sehr benutzerfreundlich für eine alte Schachtel, die mittlerweile ständig mit zwei verschiedenen Brillen hantieren muss. Wenn ich dagegen an die Sammlung von britischem Altmetall denke, die ich mir in London eingehandelt habe, weil ich mein Sandwich zwar in Euro bezahlen durfte, aber als Wechselgeld britische Pfund akzeptieren musste. Manche britischen Münzen sind siebeneckig! Wer kommt denn auf so eine Idee? Aber Obelix wusste ja auch schon, dass die spinnen, die Briten.

Okay, ich habe fast alles, was ich wollte. Jetzt will ich raus aus dem Laden und endlich eine rauchen. Zwei andere Didis folgen mir kurz darauf und wir begutachten erst mal die Inhalte unserer Tüten. Ein Junge von vielleicht sieben oder acht Jahren lungert um uns herum und murmelt unverständliches Zeug vor sich hin. Seiner Körpersprache ist allerdings eindeutig zu entnehmen, was er will. Zunächst versuche ich standhaft, ihn zu ignorieren, aber schließlich werde ich schwach. Seine samtbraunen Kulleraugen bohren sich wie Pfeile in mein Mutterherz und es ist einfach stärker als ich. Wider besseres Wissen greife ich in die Tasche. Die paar Münzen klimpern so sinnlos darin herum. Also soll er sie meinetwegen haben, bitte sehr.

Falls ich geglaubt habe, ihm damit einen Gefallen zu tun, werde ich umgehend eines Besseren belehrt. Er zählt kurz durch, verzieht genervt das Gesicht und murmelt weiter. Die Beute reicht offensichtlich noch nicht für einen Einkauf an der Fressbude hinter uns. Ich verstehe und bin fast geneigt, noch einen Zehner hinterher zu schieben, aber dann siegt mein Verstand. Wenn ich jedem Bettler, der in dieser Straße herumläuft, einen Schein in die Hand drücke, bin ich am Ende der Straße pleite. Tut mir leid, mein Junge, aber du musst dir leider noch ein anderes Opfer suchen. Zum Glück kommen jetzt die beiden fehlenden Mädels dazu und wir können uns ins Auto verziehen.

Was nun? Nun wird es Zeit, meine Mission zu erfüllen und nach dem bewussten Salwar kamez zu suchen, den ich mitbringen soll; wenn möglich in einer ganz bestimmten Farbkombination und unbedingt aus reiner Baumwolle. Die Freundin hat mir auch Bilder dazu gezeigt und die habe ich sogar bei mir im Gegensatz zu meiner CD-Liste; dazu noch ein Maßband, um notfalls die Größe nachmessen zu können. Also muss die nächste Etappe ein möglichst großer Klamottenladen sein, erkläre ich unserem Fahrer, aber vorher könnten wir Mädels eine Toilette gebrauchen.

„No problem“, nickt er. Er kenne eine große Shopping Mall. Da könne man gut einkaufen. Toilet? Hm …

Er fädelt sich wieder in den Verkehr ein, kurvt ein wenig um die Häuser und nach wenigen Minuten halten wir vor dem Taj Mahal Palace Hotel, der ersten Adresse am Platz direkt gegenüber vom Gateway of India. Es wurde 1903 von Jamshed Nasarwan Tata gebaut, einem der großen parsischen Wohltäter der Stadt und Begründer der indischen Industrialisierung. Die Geschichte behauptet, er habe sich zum Bau entschlossen, nachdem ihm als „Eingeborenem“ der Zutritt zu einem der europäischen Hotels der Stadt verweigert worden war. Seitdem haben unzählige Könige, Fürsten, Präsidenten, die Rolling Stones und Brian Adams hier übernachtet. Und in diesem Nobelschuppen sollen wir unsere profanen Geschäfte erledigen? Flüchtig streift mich der Gedanke, ob ich dafür korrekt genug angezogen bin.

„Sure, no problem, just go!“ No problem, wie immer. Worüber zerbreche ich mir eigentlich dauernd den Kopf? Er könne hier nicht parken, erklärt der Fahrer, deshalb werde er einige Runden um den Block drehen, bis wir wieder zurück seien. Also dann, so sei es.

Wir passieren anstandslos den Security-Check und entern erwartungsvoll das Gebäude. Von „meinem“ Taj, das zur gleichen Kette gehört, bin ich ja schon ein wenig an Glanz und Weite gewöhnt, aber hier treiben sie es noch ein Stück weiter. Es blinkt und glänzt und spiegelt in allen Ecken. Meine Sorge um korrekte Kleidung erweist sich allerdings als unbegründet. Der durchschnittliche Hotelgast hier drinnen trägt Jeans und T-Shirt. Nun gilt es nur noch, in diesen scheinbar endlosen Weiten die Toiletten zu finden … Eine Viertelstunde später haben wir alles erledigt und schlendern zurück auf die Straße. In der Blechlawine, die sich vor dem Hotel entlang wälzt, unseren Fahrer zu finden, erscheint ziemlich aussichtslos. Aber zum Glück findet er uns und wir starten zu unserem nächsten Ziel.

Eine knappe halbe Stunde später landen wir in einer Straße, in der es von Straßenhändlern nur so wimmelt. Unser Fahrer bewältigt das unglaubliche Kunststück, einen Parkplatz zu finden und weist uns den Weg zu Paaneri, einem Geschäft für Damen-, Herren- und Kindermode. Mühsam bahnen wir uns einen Weg über den löchrigen, holprigen Gehsteig, wo wir von allen Seiten von den Rufen der Händler bedrängt werden; „Madam!“ hier und „Madam!“ da. Alles wirkt irgendwie schmuddelig. Die Luft ist heiß und stickig und schon nach wenigen Metern geht mir der Slalomlauf durch das Gedränge auf die Nerven. Ähm … unter einer „Shopping Mall“ hatte ich mir etwas Anderes vorgestellt und im Übrigen: Hatte ich schon erwähnt, dass ich Klamotten-kaufen-müssen grundsätzlich verabscheue, auch in Deutschland? Aber wie gesagt: Ich befinde mich auf einer Mission, also Augen zu und durch.

Paaneri selbst überrascht mich dann mit seiner gediegenen Atmosphäre. Es blinkt und blitzt in dem dreistöckigen Geschäft, wie ich es nicht erwartet hätte; das totale Kontrastprogramm zu dem Gewusel draußen vor der Tür. Wir werden sehr zuvorkommend empfangen und in die Damenabteilung geleitet. Und natürlich müssen wir auch hier wieder sitzen. Jetzt mal ernsthaft: Frau kann doch im Sitzen keine Klamotten kaufen! Das widerspricht dem natürlichen Sammlertrieb in uns. Frau muss in den Sachen herumwühlen und alles begrabschen dürfen oder nicht?

Nein, wir müssen sitzen. Also lassen wir uns nieder und nun warten die anderen Didis gespannt auf meine Verhandlung mit dem Verkäufer. Es fällt mir nicht mehr schwer, denn mittlerweile habe ich angefangen, auf Englisch zu denken. Ich erkläre ihm, was ich suche, und zeige ihm die Fotos. Er nickt siegesgewiss. „Sure, Madam, no problem.“ Welche Größe? Eine gute Frage. Ich habe keine Ahnung, wie groß ein indisches S, M oder L ist, aber ich habe die Maße der Freundin dabei und das Maßband zum Nachmessen.

Der Verkäufer beginnt in den Regalen zu wühlen. Er zieht hier ein Paket heraus und dort ein Paket und breitet die Tuniken auf dem Ladentisch aus. Jetzt hält mich natürlich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich kann es auch nicht erklären, aber ich denke, von oben habe ich einfach den besseren Überblick. Ich prüfe, grabsche, rümpfe die Nase, schüttele den Kopf … Er schiebt die Sachen zur Seite und holt unermüdlich neue Pakete hervor. Langsam, aber sicher wächst auf dem Tisch ein Berg aus den Textilien, die ich bisher verworfen habe. Du lieber Himmel! Der arme Kerl, der das nachher alles wieder einpacken muss, tut mir leid.

Schließlich zeigt mir der Verkäufer einen Salwer in Moosgrün mit sehr aufwendiger, himbeerfarbener Stickerei und einer ebenfalls himbeerfarbenen Hose dazu. Er gefällt mir auf Anhieb, aber für die Freundin taugt er nicht, denn die hat kupferrotes Haar und das passt nun beim besten Willen nicht zusammen. Vielleicht wäre der etwas für mich? Behalten wir ihn mal im Auge …

Und endlich landen wir doch noch einen Treffer: ein Exemplar in ebenfalls Moosgrün mit goldenen Blattornamenten am Saum und goldener Schnürung und Goldborte am Halsausschnitt. Dazu gehört eine ockerfarbene Hose und eine ebensolche Dupatta, die an den Enden in Grün mit den gleichen Mustern wie auf der Tunika bedruckt ist. Perfekt. Der wird ihr gefallen; auch, weil er nicht so typisch „indisch“ – das heißt, kreischend bunt und mit Flitter übersät – daherkommt.

Ich halte den Kandidaten probeweise an mir an. Ja, die Weite stimmt. Die Hose ist definitiv zu lang. Die wird sie kürzen müssen, aber das sollte kein Problem sein, denn die Freundin gehört zu den heutzutage eher seltenen jungen Frauen, die eine Nähmaschine besitzen und sogar damit umgehen können. Okay, Haken dran! Und weil ich hier grade so herumstehe, obwohl ich doch sitzen müsste … Kann ich den mit der Himbeerhose noch mal sehen? „Sure, Madam, no problem.“ In Indien gibt es keine Probleme …

Um die lange Geschichte abzukürzen: Gefühlte Stunden später verlasse ich das Geschäft mit einer überdimensionalen Plastiktüte, in der sich – sorgfältig in weitere, kleinere Plastiktüten verpackt – zwei Salwer kameze, eine rote Tunika und eine knallbunte Lehenga befinden, deren Choli ich erst noch zusammennähen muss, aber darüber werde ich mir den Kopf zerbrechen, wenn ich wieder zu Hause bin. Jetzt bin ich erst mal froh, meine Mission erfüllt zu haben.

Unser Fahrer erwartet uns bereits, verstaut meine Riesentüte im Kofferraum und ich sinke erschöpft ins Auto. Nach all der Anstrengung brauchen wir eine Pause. Darin sind wir uns einig. Und weil mir nach den ganzen verwirrenden, neuartigen Eindrücken der Sinn nach etwas Bekanntem steht, werfe ich – ohne mir etwas Bestimmtes dabei zu denken – das Stichwort „Starbucks“ in den Wagen. Die Didis greifen den Gedanken auch gleich auf. Der Fahrer runzelt die Stirn. „Starbucks?“ Wie? Kennt er nicht? McDonalds, Burger King, Subway, Pizza Hut und wie die großen Ketten alle heißen … Sie alle sind in Mumbai vertreten. Sogar der berühmte IKEA-Inbusschlüssel hat es inzwischen hierher geschafft.

Doch, natürlich kennt er Starbucks! Allerdings offensichtlich nur eine bestimmte Filiale, denn er wirft den Motor an und wir kurven erst mal wieder eine halbe Stunde durch die Stadt; nordwärts zum Stadtteil Juhu. Endlich halten wir in einer etwas ruhigeren Seitenstraße vor einem dieser typischen Bürohäuser mit Glasfassade. Unsere Mitschwester Trude ist plötzlich ganz aufgeregt. „Das ist das Red-Chillies-Haus“, sagt sie und mustert mit Begeisterung die riesige Fensterfront. Ach, wirklich? In diesem Haus soll Red Chillies Entertainment residieren, die Produktionsfirma von Mr. Khan?

„Ja, natürlich“, erklärt sie mit felsenfester Überzeugung. Da habe es doch diesen großen Ärger gegeben, weil Cheffe die gesamte Fassade mit der Promotion für seinen neuesten Superheldenfilm zugekleistert und damit ein Verkehrschaos ausgelöst hatte. Okay, wenn sie es sagt. Da ich selbst keine Ahnung habe, muss ich es glauben und betrete den Laden natürlich gleich mit einem ganz anderen Gefühl. Jetzt wandeln wir ja quasi auf den Spuren des Meisters …

Das Café ist überraschend klein, aber zum Glück nicht so gerammelt voll, wie ich befürchtet hatte. Wir müssen eine kleine Treppe hinaufsteigen, denn die Theke befindet sich in einem Seitenraum oberhalb des Gastraumes. Und nun kommt die Qual der Wahl. Sandwich oder Kuchen? Kaffee, Cappu oder Latte? Groß, mittel oder klein? Wie groß ist „groß“ und wie klein ist „klein“? Es dauert ein Weilchen, bis diese Entscheidungen getroffen sind.

Hinter dem Tresen tummelt sich eine Handvoll Jungs und Mädels, die mit strahlendem Lächeln unsere Wünsche zu Protokoll nehmen. Trude ist vor mir dran und nutzt die Gelegenheit. Ob das hier das Red-Chillies-Haus sei, fragt sie nach und die Bedienung bestätigt das eifrig. Ja, ja, das sei hier. Dann wendet sich einer der jungen Herren an mich.

Wir erinnern uns: Ich trage den Khan auf meiner Brust, den fachmännisch in der Druckerei hergestellten, den man bei 30 Grad in der Waschmaschine waschen darf. Im Moment ist mir das allerdings nicht bewusst und so gebe ich nichts ahnend meine Bestellung auf. Der Kellner tippt eifrig in seine Kasse, zieht den Bon heraus, greift zum Stift, heftet seine schwarzen Kulleraugen auf mich und fragt nach meinem Namen. Dabei verwandelt sich sein geschäftsmäßig freundliches Lächeln plötzlich in ein überbreites Grinsen. Ich denke mir immer noch nichts dabei und sage ihm, wie ich heiße. Er setzt den Stift an und will schreiben, überlegt es sich dann aber anders und lacht: „Or shall I write Shah Rukh?“ Ach so! Jetzt begreife ich, warum er sich so freut. Von mir aus auch das; er möge schreiben, was immer ihm gefällt, amüsiere ich mich. Vielleicht ist das ja einfacher für ihn als mein komplizierter europäischer Vorname.

Trude hat inzwischen ihre Bestellung bekommen und sich zu den anderen Mädels gesellt. Ich allerdings muss noch bezahlen und auf meinen Latte warten. Auf einmal dringt aus der Ecke, in der die Getränke ausgeschenkt werden, schallendes Gelächter. Die junge Frau, die dort bedient, will sich gar nicht mehr beruhigen.

„He did not really do that?“, zweifle ich, aber sie nickt und wischt sich vorsichtig die Lachtränen aus den Augenwinkeln. Doch, er hat, und zum Beweis zeigt sie mir den Kassenbon. Der Junge hat mich tatsächlich zu Shah Rukh gemacht und jetzt muss ich natürlich mitlachen. Du lieber Himmel! So viel Ehre an einem harmlosen Dienstag. Vermutlich werden sie sich später im Personalraum noch bestens darüber amüsieren. „Leute, stellt Euch vor, da war heute so eine komische weiße Lady in einem ziemlich schrägen T-Shirt …“ Wer hätte gedacht, dass ich mit dem Ding solche Begeisterung hervorrufe?

Nun genießen wir unsere Kaffees, Kuchen und Snacks. Als alles verspeist ist, was zu verspeisen war, stellt sich natürlich unweigerlich die Frage nach einer Toilette. Die Wege sind weit in Mumbai und wer weiß, wann wir das nächste Klo finden werden. Hier im Café ist es allerdings auch nicht leicht zu finden. Nirgendwo ein entsprechendes Hinweisschild. Wir schauen uns ratlos um. Ah, dort hinten führt noch eine andere Treppe nach oben. Dort muss es sein, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Wir steigen die Stufen hinauf und tatsächlich: Dort im Treppenhaus befindet sich die einzige, verfügbare Toilette; gemischt für Männlein und Weiblein. Sie ist gut besucht und so müssen wir ein Weilchen warten, bis alle Bedürfnisse erfüllt sind. Während die anderen noch beschäftigt sind, gehe ich schon mal nach draußen, denn jetzt will ich endlich mal wieder eine rauchen.

Ich zünde mir die Kippe an und betrachte noch mal ausgiebig das Gebäude. Manchmal lassen mir bestimmte Dinge einfach keine Ruhe und Trudes Behauptung kommt mir irgendwie komisch vor. Die Front zur Straßenseite ist komplett geschlossen. Offensichtlich gibt es auf dieser Seite nur einen Eingang und der führt zu Starbucks. Wenn hier wirklich Red Chillies residiert, wie kommen dann eventuelle Besucher hinein? Durch das mickrige, schummrige Treppenhaus? Keine Empfangshalle? Keine Parkplätze? Und sollte eine international tätige Produktionsfirma nicht wenigstens ein Firmenschild an der Tür haben? Oder gibt es vielleicht einen Seiteneingang?

Ich wandere ein wenig hin und her und beäuge das Gelände. Links vom Gebäude eine weiße Mauer mit einer Hofeinfahrt; an der Mauer ein Schild mit der Aufschrift „XY Apartments“. Auf der anderen Seite schlendert ein Wachmann vor einem eisernen Zaun herum. Er mustert mich misstrauisch, als ich einen Blick in den Hof werfe. Nein, über dem überdachten Eingang dort hinten steht irgendetwas von „Hotel“. Kein Hinweis auf eine Firma namens Red Chillies Entertainment, nirgendwo … hm …

Das echte Red Chillis Entertainment …

Natürlich habe ich auch schon mal – wie wahrscheinlich jeder verrückte Khan-Fan – die Firma gegoogelt und ich meine, mich zu erinnern, dass das Gebäude an einer Straßenkreuzung liegen soll. Hier ist aber weit und breit keine Straßenkreuzung. Das Glashaus klebt mitten in der Häuserzeile zwischen zwei anderen Gebäuden, wenngleich hinter den Fenstern durchaus Schreibtische, Bürostühle und Rollcontainer zu erkennen sind.

 

 

 

… und das dazugehörige Starbucks.

Später, zurück in der Heimat, forsche ich noch mal im Internet, vergleiche die dort kursierenden Bilder mit unseren selbst geknipsten und komme zu dem Schluss, dass es nicht passen kann, dass Trude falsch liegt mit ihrer Behauptung und das Mädel bei Starbucks wahrscheinlich ihre Frage nicht richtig verstanden hat. Oder sie wollte einfach nur nett sein.

 

„Unser“ Starbucks sah dagegen so aus.

Damals wusste ich es noch nicht, aber ein gutes halbes Jahr später bekam ich die Gelegenheit, das Rätsel zu lösen. Wie gesagt, manchmal lassen mir die Dinge einfach keine Ruhe und dann werde ich zum Spürhund …

 

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